Hintergrund

Nadja Hermann hat auf ihrem Blog einen Gastbeitrag von mir zum Thema „Lipödem“ veröffentlicht – vielen Dank! Da der Text dort sowieso schon so lang ist, habe ich meine Auf- und Ab-Geschichte dort (relativ) kurz zusammengefasst. Wen die ausführliche Version interessiert, kann sie hier nachlesen:

Als Fünfjährige galt ich als zu dünn und es war sogar mal eine Kur im Gespräch „zum Aufpäppeln“, ich glaube allerdings nicht, dass es an dieser Aussicht lag, dass ich mit 7 anfing, pummelig/dick zu werden, ich vermute heute eher, dass es mit unserem Umzug in eine andere Stadt zu tun hatte. Die folgenden Jahre war ich moppelig/kräftig bis dick, wahrscheinlich immer ein bisschen davon abhängig, ob ich gerade wuchs oder nicht, so mit 15/16 wog ich, wenn ich mich nicht irre, um die 75 kg. Zum Abitur hatte ich ca. 85 kg und war wahrscheinlich ungefähr so groß wie heute, also 1,68.

Ich hatte das übliche Gemisch aus Diäten, wenig essen, viel essen, Heißhunger, Ermahnungen, keine zweite Portion zu nehmen (gleichzeitig war Essen in unserer Familie sehr emotional besetzt), FDH, Brigitte-Diät, eine „Stoffwechsel-Diät“ (bestehend hauptsächlich aus hartgekochten Eiern und Quark, „danach nimmt man nie wieder zu, weil der Stoffwechsel neu eingestellt wurde“), oder wie schon unter Talträume geschildert, eigene Erfindungen wie eine von mir so titulierte „Steinzeitdiät/Höhlendiät“ aus Mehlfladen ohne Hefe und gebratenes Fleisch – äh, ja. Ich hatte gerade „Die Höhlenkinder“ https://de.wikipedia.org/wiki/Die_H%C3%B6hlenkinder)  gelesen und hatte einen Tagtraum über eine Abnehmkur, in der man in einem von der Außenwelt abgeschnittenen Tal strandet…

Gleichzeitig sah ich meinen Vater immer mit Übergewicht kämpfen – was immer ein Auf und Ab war. Mal nahm er durch Saftfasten u.ä. sehr viel ab, dann nahm er es wieder zu: Jojo pur. Gleichzeitig frustrierte mich, dass ich mit Diäten nicht schnell abnahm oder sogar beim wöchentlichen Wiegen mehr wog als vorher, ich hatte ja keine Ahnung von Wassereinlagerungen, oder dass man als Teenager vielleicht nicht so einfach ein großes Kaloriendefizit mit weniger Essen hinkriegt wie ein stark übergewichtiger erwachsener Mann. Als ich mit 16 mal 14 Tage wegen Bänderriss im Krankenhaus lag (die ließen mich damals tatsächlich 14 Tage nach der OP einfach nur rumliegen, zuhause wäre ich wahrscheinlich mehr auf den Beinen bzw. Krücken gewesen), bekam ich eine 1500 kcal-Diät und malte mir wer weiß was für Gewichtsverluste damit aus: die natürlich nicht eintraten, aber zumindest verhinderte sie, dass ich in diesen Rumliegetagen zunahm.

Nach dem Abitur 1996 war ich Au Pair in Frankreich: und nach einem Jahr Frankreich war ich erstaunlicherweise trotz Nicht-Diäthaltens, trotz zahlreicher Croissants etc. 10 Kilo leichter, ich weiß heute noch nicht, wie das passiert ist. Ich habe mich auch schon als Schülerin viel bewegt, war eigentlich fast täglich im Wald vor unserer Haustür ein bis zwei Stunden fahrradfahren, aber wahrscheinlich verbraucht man als Au Pair mit zwei Kleinkindern doch mehr als beim in der Schule rumsitzen. Meine Figur mit 75 kg war normal proportioniert, soweit ich weiß, zumindest erinnere ich mich an keine großen Probleme beim Hosenkauf etc., davon abgesehen, dass ich größere Größen als andere brauchte – das ist heute anders. Das Fett, das da war, war relativ gleichmäßig an Oberkörper, Bauch, Hintern, Beinen… Fotos, auf denen mein ganzer Körper zu sehen ist, gibt es wenige, das habe ich, denke ich, immer vermieden.

Ich versuchte nach Frankreich weiter abzunehmen, aber das rumsitzende Uni-Leben, Mensa-Essen (und abends noch mal selber kochen) etc. war anscheinend nicht hilfreich, aber ich nahm, soweit ich mich erinnere, zunächst nicht weiter zu. 2-3 Jahre später war ich in einer Beziehung, die mir nicht gut tat, und ich nahm zu, danach war ich ein Jahr mit dem Erasmus-Austausch in Italien – in dieser Zeit und in den Jahren danach, ich habe dazu keine genaue Daten, steuerte ich dann die 100 an… In dieser Phase, also so ab 2000, verschoben sich die Proportionen, ich wurde zwar nicht unbedingt obenrum schlanker, aber nahm beim Zunehmen am meisten an Hintern, Hüften und Beinen zu. Zwischendrin gab es immer wieder erfolglose Diätversuche, neben diesem Dauer-Diätgefühl, dass man eigentlich bei allen Sachen denkt, dass man das eigentlich nicht essen sollte.

Ich weiß nicht, ob ich die 100 kg tatsächlich erreichte, weil ich zu der Zeit keine Waage hatte – als ich später wieder eine hatte, hatte ich schon etwas abgenommen und war im Bereich von 95. Nach Studienabschluss und mit Beginn der Arbeit (Büro) nahm ich ab und landete bei 85 – wobei ich das wieder nicht einer bestimmten Diät zuschreiben kann, sondern es eher wie in Frankreich „einfach passierte“, allerdings über einen längeren Zeitraum. Ich denke heute, es war eine Gewohnheitenumstellung ohne bewusste Diätentscheidung. Ich sehe im Nachhinein, dass ich z.B. irgendwann nur noch Haferflocken zum Frühstück aß, oder zwei Brote statt der bisherigen drei. Eine Rolle spielten vielleicht auch ein paar mehrwöchige Phasen, in denen ich Zucker, Weißmehl etc. vermied, was sich hinterher insofern auswirkte, dass ich fertige Nahrungsmittel mit zu viel Zucker lange als unangenehm süß empfand. Da mein Arbeitsweg mit dem Fahrrad angenehm war, spielte Bewegung sicher auch eine Rolle.

Manchmal glaube ich, dass mir bestimmte Sachen, wie diese zweimalige Abnahme in Frankreich und nach dem Studium, am besten „nebenbei“ gelingen. So ging es mir auch mit dem Rauchen: Während des Studiums hatte ich geraucht (ca. halbe bis ganze Packung täglich, unterschiedliche Phasen), zum Ende des Studiums hörte ich „irgendwie“ auf, ohne dass es ein einmaliger direkter Entschluss war, bei vorigen Aufhörversuchen hatte die situationsgebundene Abhängigkeit („zum Kaffee gehört eine Zigarette, anders kann ich mir das nicht vorstellen“) mir große Schwierigkeiten gemacht, jetzt lief das Rauchen irgendwie aus – ich rauchte noch ein paar Jahren lang bei seltenen Gelegenheiten eine Zigarette bei jemandem mit, so alle zwei Monate oder so, aber inzwischen wird mir davon schlecht. 🙂

Um die 85 bewegte ich mich dann ein paar Jahre lang, mal zwei Kilo mehr, mal zwei weniger. Nach der Abnahme von etwa 100 bis auf 85 war in erster Linie mein Oberkörper schlanker geworden, eine Taille hatte ich vorher schon gehabt, aber jetzt war sie deutlich auffallender. Ich entsinne mich, dass mich eine Bekannte mal mit Umarmung begrüßte und ihr plötzlich rausrutschte: „Deine Schultern sind ja total schmal und knochig!“ – bei einem BMI von über 30. Deutlich unter 85 kam ich nicht, obwohl ich viel Fahrrad fuhr (10km zur Arbeit und 10 km zurück, Monatskarte nur ca. 2-3 Wintermonate im Jahr) und vielleicht einmal wöchentlich im Durchschnitt im Fitnessstudio war.

Wie gesagt, dieser Blogpost ist sozusagen das, was ich aus meinem Gastbeitrag bei Fettlogik überwinden herausgekürzt habe… dort findet sich dann der weitere Verlauf und das, was ich in Bezug auf Ernährung, Bewegung und anderen Maßnahmen wegen des Lipödems vorhabe.

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5 Gedanken zu “Hintergrund

  1. Respekt, wie Du Dich nicht von so einer genetischen Disposition/krankheit aufhalten lässt! 🙂
    Ich habe eine sehr nette Kollegin, die rein optisch genau ins Lipödem-Schema fällt. Sogar wirklich, WIRKLICH extrem. Ich weiß allerdings nicht, ob ich mich trauen soll, sie darauf anzusprechen und mal Dein Blog zu empfehlen. Nicht, dass ich da eine seelische Wunde aufreiße und sie sauer auf mich wird, obwohl ich nur helfen will (gut gemeint ist ja bekanntlich das Gegenteil von gut gemacht) …

    1. annesch

      Danke! Ich habe es ja erst vor relativ kurzer Zeit kapiert – da ist vielleicht eine Menge an Anfangsenthusiasmus dabei, aber das kann ich ja nutzen! In Bezug auf Deine Kollegin: eine Freundin sagte zu mir mehrfach: „Mensch, eigentlich bist Du ja schlank obenrum, irgendwie passen bei Dir Ober- und Unterkörper nicht zusammen!“ Das fand ich nicht verletzend, sondern eigentlich aufbauend, weil es mir meinen eigenen Eindruck bestätigte. Ich bin froh, von dem Lipödem erfahren zu haben – aber bei mir begannen jetzt die Beine zu schmerzen und ich merke, dass Kompression & Bewegung wie Spazierengehen hilft, das war wichtig zu erfahren. Aus heutiger Perspektive denke ich, dass das Wissen, ein Lipödem zu haben, noch ohne schmerzende Beine, auch motivieren sollte, aber ob man sich da tägliche Kompression antut, nur weil man weiß, dass es (sonst) irgendwann anfängt zu schmerzen…? Ich würde es ansprechen wenn ich jemanden kennen würde mit ähnlicher Figur, aber das ist natürlich eine andere Situation. Guter Ansatz ist vielleicht, je nachdem, wie empfindlich jemand gegenüber ihrer eigenen Figur ist, zu erwähnen, dass Lipödem bei Frauen verschiedenster „Gewichtsklassen“ auftaucht & das Auffällige die unterschiedlichen Proportionen sind….

    1. annesch

      Hallo Karen, danke! Eine Frage hätte ich zu Deinen Erfahrungen mit Steinklee, mit dem ich bereits vor ein paar Jahren, als ich noch dachte, ich hätte Venenschwäche, gute Erfahrungen gemacht habe, als Tee. Verstehe ich das in Deinem Blog richtig, dass die Kapseln, die Du verlinkst, homöpathisch sind? Kennst Du auch Kapseln bzw. hast Du damit Erfahrung, in denen der Wirkstoff unverdünnt/unverrieben drin ist – so wie er ja auch im Tee unverdünnt ist? Danke für die Auskünfte und viele Grüße Anne

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