Paisley Surprise

Heute gab es eine interessante, überraschende und positive Auswirkung  auf mich durch die ganze Situation, mit der ich mich gerade auseinandersetze.

Ich laufe seit Jahren hauptsächlich in Hosen und dabei hauptsächlich in Jeans herum. Hosen aus anderen Stoffen sind in den meisten Fällen zu eng anliegend geschnitten und zu dünn, so dass… naja, lassen wir die nähere Beschreibung. Es ist nicht schön. Jeans sind auch nicht ideal, da meistens in der Taille viel zu weit, aber ich finde die Optik für den Alltag ganz ok. Dass ich hauptsächlich Hosen trage, liegt nicht daran, dass ich Röcke oder Kleider nicht mag. Im Gegenteil. Aber irgendwann in der Kindheit/Jugend entstand bei mir der Eindruck, dass man als Frau Röcke anzieht, wenn man auf sich aufmerksam machen will. Da ich tendenziell lieber mich und meine Figur unsichtbar machen wollte, kam ich mir in Hosen unauffälliger vor. Schon allein, weil so gut wie alle Leute meines Alters in der Schule oder Uni in Jeans rumliefen. In der schieren Masse lag die Unauffälligkeit.

Röcke sehen, wenn sie richtig geschnitten sind, wahrscheinlich besser an mir aus als Hosen. Die vage Einschränkung durch „wahrscheinlich“ macht meine Unsicherheit in meiner Eigenwahrnehmung und in meinem Blick auf meinen Körper deutlich. Doch um nicht aufzufallen, trage ich Röcke nur, wenn viele andere es auch tun – z.B. bei Chorkonzerten. Im Alltag so gut wie nie, außer vielleicht mal im Hochsommer (wenn wieder ganz viele Röcke tragen.)

Ich fand es immer ein bisschen ironisch, dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Frau, um aufzufallen, Hosen anzog. Zu Beginn trugen nur die selbstbewusstesten Frauen Hosen, oder die, die provozieren wollten. Es gibt in den Büchern von James Herriot („Der Doktor und das liebe Vieh“, wem das noch was sagt, die Erinnerungen eines Landtierarztes in Yorkshire, beginnend in den 1930ern, gab es auch mal als Fernsehserie) eine Stelle, bei der seine Frau Helen für Erstaunen sorgt, weil sie eine Hose trägt – wahrscheinlich in größeren Städten keine Seltenheit mehr, aber auf dem Land zu dieser Zeit noch etwas Besonderes. Heutzutage, so kommt es mir immer vor, fällt man als Frau eher auf, wenn man einen Rock trägt – und es gehört aus meiner Perspektive mehr Selbstbewusstsein dazu. Lasst mich in den Kommentaren wissen, wie Ihr das seht, ich bin gespannt, ob das nur meine eigene (vielleicht verquere) Perspektive ist!

Wie dem auch sei: Ich laufe fast immer in Jeans herum, obwohl ich haufenweise Röcke im Schrank habe, von denen ich auch der Meinung war, dass sie „ok“ aussahen, als ich sie kaufte. Wahrscheinlich sehen sie auch „ok“ aus, und wenn ich mal an einem Abend welche anprobiere und mit dem Gedanken spiele, am nächsten Morgen einen anzuziehen, denke ich auch oft: Ja, geht doch, ist doch ok. Oder sogar: Das sieht doch ganz gut aus. Aber am nächsten Morgen kneife ich dann wieder. Meistens rede ich mich damit heraus, dass Röcke, wenn man wie ich hauptsächlich mit dem Fahrrad unterwegs ist, einfach unpraktisch sind. Und man muss im Sitzen dran denken (z.B. in der Chorprobe, wenn man in der ersten Reihe sitzt), die Beine nur auf bestimmte Art übereinanderzuschlagen. Oder im Sommer vorher dran denken, die Beine zu rasieren… Ausreden gibt es genug. Die Wahrheit ist, dass ich meistens einfach zu feige bin. Und morgens ist mein Kleider-Mut im halbwachen Zustand noch weniger vorhanden als sonst.

Nun hatte ich ja neulich in Bezug auf die improvisierte Kompression, die ich zur Zeit an den Beinen trage, ein Loblied über die halbwegs kühlen Temperaturen gesungen. Nichtsdestotrotz war mir häufig zu warm, vor allem, wenn die Sonne schien. Ich ziehe sonst keine Strumpfhosen oder Leggins unter Jeans an, allenfalls im Winter, wenn die Temperaturen unter -5° C rutschen. Nun rannte ich im Oktober mit Kompressionskniestrümpfen, darüber eine Kompressionsleggins, darüber Jeans herum – ich war am Zerfließen.

Heute Nachmittag schien die Sonne, und ein Gedanke, der mir in den letzten Tagen bereits im Hinterkopf herumgeschwirrt war, nahm Gestalt an: Wenn ich tatsächlich in Zukunft dauerhaft im Alltag Kompression tragen muss, dann sollte ich vielleicht meinen Kleidungsstil ändern. Und kombinierte meine Schichten mit einem dünnen Stoffkleid im Paisley-Muster, das ich neulich bei Ebay nebenbei ersteigert hatte, als ich eigentlich bei derselben Anbieterin auf etwas ganz anderes bot. Es sah im Spiegel ok aus. Ich fühlte mich ok. Und die Vorstellung, nicht völlig an Wärmestau zugrundegehen zu müssen auf dem Weg zur heutigen Chorprobe, gab den Ausschlag und mir das letzte Quentchen nötigen Mut.

Es fühlte sich ungewohnt, aber ganz ok an. Die Rückmeldungen, die ich von Mitsängerinnen bekam, waren durchaus überrascht, weil sie mich in der Probenphase nur in Jeans kennen, aber positiv – ich gehe mal davon aus, dass sie nicht nur aus Nettigkeit positiv reagierten… ;-).

Aber schaut mal selbst:

Und die gefürchtete Rückenansicht, die ich zum Glück meistens selbst nicht sehen muss: ruecken

Das Gute an dem Kleid, und das war mir vorher gar nicht bewusst, ist, dass das Oberteil lockerer und ein klein wenig gebauscht sitzt – anders als bei anderen Kleidern, die ich habe, die bis zur Taille eng sind. Dadurch sieht meine Figur ausnahmsweise nicht so disproportional aus, wie sie sonst häufig wirkt.

Beim Fahrradfahren rutschte der Rock natürlich hoch, so dass es wahrscheinlich aussah, als ob ich unter meiner oberschenkellangen Jacke nur schwarze Leggins tragen würde. Nicht der optimalste Look für meine Figur, aber ich sagte mir: So what! Solange sie blickdicht sind, denkt doch keiner darüber nach, letzten Endes ist das hier Berlin und alle rennen rum, wie sie wollen… 😉 In Zukunft werde ich mal den Trick von Penny in yo pants ausprobieren: https://www.youtube.com/watch?v=svhpJKvZZac

Jedenfalls bin ich froh, mich zu dem Kleid-Experiment durchgerungen zu haben – und finde es schön, dass die Lipödemsache wenigstens diese positive Auswirkung hat. Wie gesagt – mein Schrank ist voll von Röcken, die ich längst mal tragen wollte… Geht es Euch auch so mit Röcken und Kleidern versus Hosen? Oder gibt es eine andere Art von Kleidungsstücken, zu denen Euch manchmal der Mut fehlt? Ich bin neugierig auf Eure Kommentare!

 

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4 Gedanken zu “Paisley Surprise

  1. Hier *meld*. Auch quasi immer in Jeans. Ich besitze 2 Kleider, von denen ich eins auch sehr hübsch finde, mich aber nie traue, es zu tragen. Röcke sind auch schwierig. Höchstens mal in Spanien.
    Mein sehr subjektiver Eindruck hier im Ländlichen deckt sich mit deinem, Frauen in Kleidern / Röcken fallen heutzutage deutlicher auf als in Hosen. Hosen sind eher das Normale – auch im Sommer, dann sieht man hier mehr Frauen in Bermudas oder Shorts, aber immer noch wenige in Röcken.

    Du siehst in dem Kleid ganz toll aus! Wie schön, dass du dich getraut hast! 🙂

  2. Owl

    Hier auch. Interessant, daß du sagst, du willst möglichst unauffällig sein und in der Menge verschwinden… genauso geht es mir auch sehr oft. Ich mag Jeans aber auch noch aus einem anderen Grund: Hosentaschen! Ich trage sehr selten so etwas wie Handtaschen („Weiberkram!“ 😉 ), wenn dann eher Rucksack, und Schlüsselbund und Handy befinden sich daher immer in den Hosentaschen. Oberschenkel sind ja eh schon die breitesten Stellen am Körper, da macht es nichts, wenn dann noch links und rechts die Beulen drankleben…
    Im Sommer ist es mit langer Hose und Kompri dann aber irgendwann wirklich nicht mehr auszuhalten. Obwohl man nun denken könnte, ich würde schwarze, unauffällige Kompri bevorzugen, war es paradoxerweise eher das Gegenteil: auffällige Farben für mich! Wenn es nicht zur Rockfarbe paßt, umso besser! Meine Beine sind ja ohnehin häßlich, dann kann ich auch häßliche Strümpfe tragen! Wohl eine Art Trotzreaktion, geboren auch aus Traurig- und Hilflosigkeit.

  3. Pingback: Gewohnheiten II – Berg- & Talträume

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