„Unerklärliche“ Abnahmen?

(Bild: Manfred Schimmel/pixelio.de) In Hintergrund hatte ich davon geschrieben, dass ich zwei Mal relativ viel abgenommen habe, einmal ca. 10 und einmal ca. 15 kg, ohne dass ich es direkt als Diätphase einstufen würde – wenn auch das Bewusstsein, beim Essen irgendwie aufpassen zu müssen, was mal mehr, mal weniger gelingt, eigentlich immer durchgängig vorhanden war, so dass ich nun auch nicht behaupten könnte, dass ich in diesen Zeiten gedankenlos drauflos gefuttert und trotzdem abgenommen hätte. Dauernd Kalorien gezählt oder einen bestimmten Diätplan habe ich jedenfalls während dieser Zeiten nicht verfolgt.

Für die Zeit nach dem Studium hatte ich ja schon einige Gründe, die diesen Gewichtsverlust von 15 kg erklären könnten, ins Auge gefasst: ein regelmäßiger Fahrrad-Arbeitsweg, einige neue Gewohnheiten wie Haferflocken zum Frühstück, Phasen, in denen ich Zucker und Weißmehl mied, was sich auch noch mäßigend auf den Zuckerkonsum auswirkte, als ich wieder normal aß… Ich vermute, dass es auch eine Rolle spielte, dass ich nicht mehr in der Uni-Mensa aß: An den meisten Tagen besuchte ich die Uni-Mensa, auch wenn ich es nicht vorgehabt hatte, traf mich dort mit Leuten zum Essen oder wollte einfach eine Pause im Lern- und Magisterarbeitsschreibenstress einlegen – trotzdem kochte ich mir Abends sehr häufig trotzdem noch etwas, so dass ich oft zwei warme Hauptmalzeiten am Tag hatte. Der Umstieg auf belegtes Brot und Möhren im Büro wird sicher eine Rolle bei der Abnahme gespielt haben.

Heute habe ich noch mal drüber nachgedacht, was die Abnahme von 10 kg bewirkt haben könnte, die in Frankreich passierte, als ich dort nach dem Abitur als Au Pair war, denn eigentlich ist sie mir unerklärlicher. Ich hatte keine Waage (die Mutter der Familie war schlank und nahm unter Stress eher weiter ab, hatte also keine Notwendigkeit, eine Waage im Haus zu haben), ich aß wirklich insgesamt reichlich und kaufte mir sehr gern Croissants etc., saß viel in Cafés herum, aß Baguette, trank gelegentlich Wein oder Pernod, kaufte mir Schokolade, hielt definitiv keine Diät ein – und wog am Ende der Au Pair-Zeit, ca. 10 Monate, 10 kg weniger.

Zum einen gab es Bewegungsaspekte, die eine Rolle gespielt haben mögen: Au Pair zu sein verbrennt mehr Kalorien als in der Schule herumzusitzen. Ich hatte nie zuvor und später niemals wieder so gute Armmuskeln wie nach diesem Jahr, in dem ich einen anfangs Zweieinhalbjährigen und seine neunmonatige Schwester aus Betten und Badewannen hinein- und herausgehoben, auf Schaukeln gesetzt, beim vom Mäuerchen-Hüpfen aufgefangen hatte… Und mit einem Kind auf der Hüfte und dem anderen an der Hand die Treppen zur Wohnung hochgestapft war. 😉 Es war für mich zumindest noch eine Zeit ohne E-Mails, und es gab Phasen, wo ich mehrmals am Vormittag runter zum Briefkasten rannte, um zu schauen, ob die Briefträgerin schon da gewesen und etwas für mich dabei war.

Wir wohnten nicht ganz im Zentrum der Kleinstadt Aix-en-Provence. Mein Zimmer eignete sich zum Schlafen, aber nicht wirklich zum Schreiben oder Lesen, und so setzte ich mich in meiner freien Zeit gerne dazu in Cafés – die schönen waren aber in der Innenstadt (wo auch die ganzen Buchantiquariate waren), ein Fahrrad hatte ich zunächst nicht, und so machte ich mich oft auf dem halbstündigen Fußweg ins Zentrum. Der Bus fuhr nicht so häufig und es war mir auch zu teuer, mehrmals in der Woche mit dem Bus ins Zentrum zu fahren und dann noch Geld im Café und den Antiquariaten zu lassen. Daher lief ich, nd der Weg war auch ganz hübsch. Später hatte ich dann auch ein Fahrrad und begann, mir die nähere Umgebung anzuschauen.

Eventuell spielte aber auch einfach eine Rolle, dass ich woanders war, von zuhause weg war, nicht mehr in den alten Mustern gefangen. Das „Iss-nicht-so-viel“ schwebte zuhause immer über dem Essenstisch, auch wenn es nicht ausgesprochen wurde – was ja prinzipiell auch ok war, es war ja durchaus gerechtfertigt. Das Problem waren die vielen Bedeutungsebenen, die das Essen bei uns in der Familie hatte. Meine Mutter kocht sehr gut und lecker, wenn sie sagte „Iss nicht so viel.“ und dabei leckeres Essen auf den Tisch stellte, war das schon mal eine doppelte Botschaft. Sie steckte viel Energie in dieses Kochen und Familie-mit-Essen-Versorgen – und da sie vom Persönlichkeitstyp nicht sonderlich demonstrativ und emotional ist, wurde das Essen, auf dass sie viel Sorgfalt verwandte, glaube ich, zu einer Art Ersatzwährung für sichtbare Zuneigung: ohne dass sie das beabsichtigt hätte! Wenn mein älterer Bruder, der auch mit Übergewicht kämpfte (und kämpft) noch eine zweite Portion vom Sonntagsbraten bekam, wollte ich auch noch eine Scheibe – und das war dann vielleicht gar nicht Hunger oder Appetit, sondern nur der Wunsch nach Gleichbehandlung, die Angst, zurückgesetzt zu werden. Und die zweite Scheibe Braten war dann vielleicht auch nicht das Problem, sondern die Kartoffeln oder Nudeln mit Soße, die ich dazu noch auftat. Dass ein älterer Bruder mehr Kalorien verbrauchte als ich neun Jahre jüngere Schwester (und dass die übergroßen Portionen meines Bruder oder auch meines Vaters sowieso kein Maßstab waren), war mir, vermute ich, nicht klar. Und mir war es auch körperlich nicht bewusst, dass es zu viel war – ich hatte sowieso eine sehr schlechte Körper-Selbstwahrnehmung in dieser Zeit, und mein Körper hatte, denke ich, keine Chance mir zu signalisieren: „Das ist zu viel!“, weil der Wunsch nach Mehr oder „Genauso viel wie die anderen!“ lauter war.

Und so kann es sein, dass ich in Frankreich allein deswegen abnahm, weil ich, ohne es zu merken oder zu wissen, einfach in etwa so viel aß, wie ich brauchte – und nicht so viel, wie ich unbewusst meinte glauben bekommen zu müssen, um mit irgend jemand in Sachen Aufmerksamkeit gleichzuziehen. Aber das ist nur eine Vermutung. Eine weitere Vermutung kommt mir in den Sinn: Bei den Mahlzeiten in Frankreich war ich natürlich oft auch beschäftigt, den Aupairkindern etwas zu zerkleinern oder im Fall der Kleinen auch zu füttern – da habe ich vermutlich langsamer gegessen als vorher in unserer Familie von Schnellessern, was vermutlich dem langsamen Sättigungsgefühl eine bessere Chance gab, einzusetzen.

Wie in der Situation nach dem Studium führten also ein geänderter Kontext und geänderte Gewohnheiten zu einer Gewichtsabnahme. Leider war das nicht immer in solchen Situationen der Fall. Als ich während meines Studiums für zwei Semester in Italien war, nahm ich ziemlich zu. Aber da hatte ich ja auch keine Au-Pair-Kinder, die für Bewegung sorgten…

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Ein Gedanke zu “„Unerklärliche“ Abnahmen?

  1. Anonymous

    Oh, die Brudersache kann ich so gut nachvollziehen! Mein eigener Bruder war zwar immer super dünn (ein mäkeliger Esser), dafür wurde er auch beim Essen immer angefeuert. Und bei mir hieß es dann „Willst du das jetzt echt noch..?“ Hat mich immer gekränkt und so wie du das hier in Worte fasst „der Wunsch nach Gleichbehandlung“, da erkenne ich mich total wieder… Und siehe da, ich hab dann auch „unerklärlich“ oder ungeplant abgenommen, als ich nicht mehr bei meinen Eltern gewohnt hab.

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