Meine Fettlogik II – Binsenweisheit?

Eine andere Fettlogik, die mich lange blockiert hat, ist mir neulich klargeworden, als erzählmirnix über Gedankenschnipsel bloggte, die sie in den letzten Monaten davon abhielten, die wenigen Kilo, die ihr zu ihrem Wunschgewicht fehlen, (wieder) abzunehmen. Im ersten Kommentar wurde gefragt, ob sie denn zwei Kilo mehr tatsächlich als so deutliche Veränderung spüren würde – ihre Antwort war, dass das so sei, obwohl sie über solche Aussagen früher selbst die Augen gerollt hätte.

Mir ging/geht das genauso. Wenn man mehr als „ein paar Kilo“ abnehmen will, sagen wir, so ab 10, 15, 20, 25…(nach oben offen) Kilogramm, die man verlieren will, dann hat man für Leute, die „Ich müsste dringend (irgendeine Zahl zwischen 2 und 6) Kilo abnehmen!“ sagen, nur ein müdes Lächeln übrig. Irgendwas zwischen drei und fünf Kilo hat man doch schon so oft abgenommen (und ebenso oft wieder dazugewonnen), dass man sich denkt, dass das doch eigentlich gar kein Problem wäre. Wenn die Person, die in den eigenen Augen schlank und normalgewichtig aussieht, dann noch etwas in der Art „Ich bin ja soooo fett geworden und fühle mich so unbeweglich!“ hinzufügt, dann bleibt der Reflex kaum aus, zu denken: „Hilfe! Wenn sie sich selbst fett nennt, als was würde sie dann mich bezeichnen!?“

Was mich bei früheren Diäten, denke ich heute, oft blockierte und in den Jojo-Effekt hineintrieb (in dem Sinne, dass ich aus Frust etc. irgendwann nicht mehr aufpasste, was ich aß, nicht, dass ich mir meinen Stoffwechsel „kaputtgespart“ hätte), war, dass ich angesichts der großen Zahl an Kilos, die ich verlieren wollte, kleine Abnahmen nicht zu schätzen wusste. Sie zählten nicht. Sie waren ja nicht das Ziel. Sie waren so lächerlich wenig im Vergleich dazu, dass sie sich wie Versagen anfühlten. Weswegen ich den kleinen Abnahmen, die mir gelangen, auch nicht die Wertschätzung entgegenbrachte, sie zu halten und mich so Schritt für Schritt an das Ziel heranzupirschen – obwohl das ja eigentlich wie ein einfacher, logischer und selbstverständlicher Weg klingt. Der war allerdings für mich nicht sichtbar, aus welchen Gründen auch immer.

Wenn in Artikeln irgendwo die Rede davon war, dass Ärzte es aus gesundheitlicher Sicht schon mal zu schätzen wissen, wenn Übergewichtige 10 % ihres Übergewichts abbauen, dann konnte ich nur höhnisch lachen und murmeln: „Als ob ich dann schlank wäre!“ Es zählte entweder ganz oder gar nichts. 10 %! Die paar Kilos! Da lohnte es sich doch nicht mal für, Waage, Maßband oder Kalorientabelle hervorzuholen…! Wenn ich in mir nicht die Energie und Kraft fand, den ganz großen Satz zu versuchen, diesmal, ja diesmal wirklich durchzuhalten und alles loszuwerden, fing ich erst gar nicht an.

Wenn ich in jedem Jahr meines Erwachsenenseins, dass ich mich mit Übergewicht herumgeschlagen habe, ein Kilo abgenommen und gehalten hätte, hätte ich schon lange kein Übergewicht mehr. Aber das klingt zu einfach und kurzgegriffen als Gedankenspiel, denn da sind ja die Zeiten, in denen ich nicht nur nicht abnahm, sondern auch zunahm,  gar nicht mitgerechnet. Aber die Zunahme hatte ja auch ganz häufig mit Frustration und Enttäuschung über gescheiterte Abnehmversuche zu tun.

Was fühlt sich diesmal anders an? Warum habe ich den Eindruck, dass es mir diesmal gelingt? Klar, da ist der gesundheitliche Aspekt mit dem Lipödem, der eine Menge an Motivation gibt. Aber irgendwie ist auch meine Einstellung anders. Ich denke, ich habe endlich den Ansatz gefunden, zwar einerseits das Ziel im Auge zu behalten, aber andererseits mich erst mal von Tag zu Tag zu hangeln. Wenn ich mir früher z.B. ein abgenommenes Kilo pro Woche vornahm (was immerhin 7000 eingesparte kcal sind) und schaute, wann ich dann mein angestrebtes Gewicht erreichen würde, dann sah das furchtbar weit entfernt aus, aber ich biss entschlossen die Zähne zusammen und legte los mit dem Gedanken, dass ich vielleicht noch ein bisschen mehr einsparen und noch ein bisschen mehr durch Bewegung verbrennen könnte, so dass ich doch früher dort ankommen würde.Es wundert mich jetzt in der Rückschau irgendwie nicht, dass ich mit dieser Haltung nicht durchhielt.

Die Vorstellung, nur ein halbes Kilo pro Woche zu verlieren, was ungefähr einem Kaloriendefizit von 500 kcal am Tag entspricht, sei es durch weniger Essen oder mehr Bewegung, kam mir schon zu wenig ambitioniert vor, der Termin, an dem ich dann (ungefähr) mein Ziel erreichen würde, war unerträglich weit entfernt. Dann scheiterte ich entweder an meinen Vorhaben oder fing gar nicht erst an. Und die jeweiligen Termine, die mir so unerträglich weit weg vorgekommen waren, verstrichen, einer nach dem anderen, ohne dass sich etwas geändert hätte.

Diesmal denke ich nicht vom Ende her, sondern habe überlegt: was kann ich täglich umsetzen? An Wochentagen lasse ich das Frühstück weg, bei Mittagessen und Abendbrot behalte ich die Kalorien im Blick, an den Wochenenden bin ich etwas großzügiger, aber auch nicht so, dass ich über meinen Bedarf essen würde. Das klappt sehr gut, und ich komme auf ein durchschnittliches tägliches Defizit von 600 kcal in der Nahrungsaufnahme. Da ich Bewegung nicht extra aufschreibe, habe ich da etwas mehr Spielraum, der sich wie ein Extra-Jocker anfühlt und für angenehme Überraschungen nach unten auf der Waage sorgt. Die App, in der ich mein Gewicht eintrage, hat mir für die letzten Wochen anhand der Abnahmen ein Defizit von 800 kcal ausgerechnet.

Vielleicht tut es mir gut, kein konkretes Ziel zu haben. Das liegt auch ein bisschen an der Lipödem-Geschichte, da ich ja nicht weiß, ob irgendwann mit dem Abnehmen Schluss ist und es wegen des Lipödems einfach nicht weitergeht, und wenn ich mich auf den Kopf stelle! (Was mir, aufgrund der ungleich verteilten Proportionen, nicht ganz leicht fallen würde…) Daher freue ich mich einfach so lange, wie es funktioniert, darüber, dass es funktioniert, was mich wiederum motiviert.  Und jedes Kilo weniger ist ein Kilo weniger, auch wenn das wie eine Binsenweisheit klingt.

Mir fällt gerade auf, dass ich beim Aufräumen (auch nicht unbedingt eine meiner Stärken) inzwischen eine ähnliche Strategie anwende. Wenn sich meine Wohnung im Chaos befindet, dann sorgt das Vorhaben „So, jetzt räume ich meine Wohnung auf und putze sie, bis kein Staubkorn mehr auf dem anderen steht!“ dafür, dass ich ziemlich schnell Mut und Energie verliere, mich in irgendwelchen unwichtigen Details vertüddele („Die Reihenfolge der Bücher auf diesem Regalbrett ist nicht stimmig!“) oder gar nicht erst anfange. Wenn ich stattdessen mir nach der Pomodoro-Methode den Küchenwecker auf eine halbe Stunde stelle und mir einfach sage: „So, eine halbe Stunde lang nehme ich jetzt einfach immer wieder einen Gegenstand in die Hand und räume ihn weg.“, ohne gleich das ganze Zimmer oder die ganze Wohnung im Blick zu haben, dann komme ich eigentlich sehr gut voran. Mache nach dem Weckerklingeln etwas Pause, stelle den Wecker erneut… usw.

 

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6 Gedanken zu “Meine Fettlogik II – Binsenweisheit?

  1. Schöner Blogbeitrag, danke! 🙂
    Beim Putzen mach ich es übrigens genauso – wenn die Kaffeemaschine ein paar Minuten braucht, putze ich ein paar Kacheln hinterm Herd. Sind meist nur ein paar, aber nach ner Woche ist alles wieder sauber. 🙂

  2. Interessant! Ich bin da komplett gegensätzlich gestrickt. Mir hat es geholfen, ein festes Ziel, eine feste Geschwindigkeit (das waren Anfangs 1000 Defizit, mittlerweile sind es noch 700 bis 800 Defizit) und damit maximale Planbarkeit und Geschwindigkeit zu haben.
    So unterschiedlich sind die Menschen! 🙂

    1. annesch

      Ich habe vor Jahren mit dem Rauchen aufgehört, indem ich mir sagte: „Ist ja nicht meine letzte Zigarette, kann ja jederzeit wieder anfangen…“ Ein paar Jahre lang habe ich immer mal von Zeit zu Zeit auf Feten etc. geraucht, inzwischen gar nicht mehr. Die Male, wo ich gezielt mir gesagt habe: „Ich höre jetzt auf mit Rauchen!“ gingen schief. Ich sollte anscheinend langsam wissen, dass es schief geht, wenn ich mir zu viel vornehme… 😉

  3. Owl

    Spannend. In einigen deiner Gedanken finde ich mich wieder! Ich muß ein wenig länger darüber nachdenken, was dann für mich der richtige Weg ist…

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