Versuch über politische Vorstellungskraft

Viele haben bereits über das Dejà-vu-Gefühl geschrieben: die Hoffnung, in der man gestern Abend zu Bett gegangen war und der verstörte Unglaube, mit dem man heute morgen die ersten Nachrichten wahrnahm, erinnerten stark an den Morgen nach dem Brexit-Votum.

Als ich heute morgen das Radio einschaltete, landete ich direkt in Trumps O-Ton, und zwei, drei Sekunden lang dachte ich, es sei ein O-Ton des Verlierers Trump, der in ungeahnter Schnelligkeit und Milde das Ergebnis anerkannte und das us-amerikanische Volk zur Einheit und Versöhnung aufrief. Ja, ich weiß, sehr naiv und illusorisch, wie ich kurz darauf merkte, als mir klar wurde, dass es der Sieger Trump war, der sprach.

In dem Versuch zu verstehen, wie das passieren konnte, habe ich heute viele Zahlen und Diagramme angeschaut und Artikel gelesen. Ich denke, ich hatte die Grundzüge des amerikanischen Wahlsystems mit „The winner takes it all“ etc. vorher schon verstanden, die Auswirkungen schockieren mich schon. Ich bin wahrscheinlich zu sehr an unsere Mischung an Verhältnis- und Mehrheitswahlreicht gewöhnt, als das gerecht finden zu können.

Dass so viele für Trump gestimmt haben, ist erschreckend und zeigt, dass viele seine rassistischen, frauenfeindlichen Haltungen unterstützen oder als unwesentlich abtun. Es ist erschreckend, aber nicht überraschend, weil es durch die Unterstützung Trumps in den Vorwahlkämpfen deutlich wurde, dass viele so denken wie er und viele andere sich von seinen Haltungen nicht abschrecken lassen.

Erschreckender finde ich die große Zahl derer, die eigentlich den Demokraten zuneigen aber Hillary Clinton nicht wählen konnten – vgl. z.B. diesen Artikel, der aussagt, dass Trump mit weniger Stimmen gewonnen hat als die Anzahl von Stimmen, mit denen Mitt Romney verloren hat.

Clinton wurde häufig als Teil einer Politiker-Elite kritisiert, zu sehr im Establishment verhaftet, ihr Auftreten wurde als zu professionell, zu aalglatt, nicht menschlich genug eingeschätzt. Fehler habe sie nicht freimütig genug zugegeben. Von meiner privaten politischen Meinung und politischer Parteienzugehörigkeit abgesehen: Ich frage mich, ob die Trumpgegner, die sich nicht in der Lage sahen, Clinton zu wählen, sie ähnlich sehen, wie ich politische Personen wie Karl-Theodor zu Guttenberg oder Christian Wulff wahrnehme. Bei beiden fand ich problematischer als den ursprünglichen Fehler, Plagiat und undurchsichtige Kreditgeschichte, den Umgang damit:  die Versuche der Verschleierung, der Salami-Taktik, die Haltung, dass sie sich als Opfer einer fiesen Kampagne sahen, anstatt Verantwortung für das zu übernehmen, was sie nachweislich getan hatten. Beider Verhalten macht sie mir zutiefst unsympathisch und meiner Einschätzung nicht wirklich geeignet für öffentliche Ämter – daher verspürte ich immer ein Gefühl der Verärgerung, wenn einer von beiden für ein öffentliches Amt ins Gespräch gebracht wird oder von einer Rückkehr in die (deutsche) Politik die Rede ist.

Ich versuche mir vorzustellen, wie ich handeln und abstimmen würde, wenn die Wahl bestünde, entweder für einen von den beiden zu stimmen oder für einen Demagogen oder eine Demagogin von der AfD o.ä. Die Entscheidung, ob ich mich enthalten sollte oder für den Kandidaten einer mir nicht nahe stehenden Partei, der mir zudem unsympathisch ist und dem ich misstraue, zu stimmen, würde mir ziemlich schwer fallen. Aber da ich nicht in die Richtung von CDU/CSU neige, entspricht diese imaginierte Position nicht wirklich der von Anhängern der Demokraten, die nicht für Clinton stimmen wollten. Wenn ein mir zutiefst unsympathischer und vertrauensunwürdiger Kandidat einer von mir sonst geschätzten Partei antreten würde als Alternative zu dem Demagogen, würde es mir, glaube ich, leichter fallen, für meine ansonsten auch vertretene Haltung zu stimmen, auch wenn mir der Kandidat/die Kandidatin nicht liegt oder sogar zutiefst zuwider ist – Hauptsache, der Demagoge wird verhindert.

Allerdings – und da wird der Vergleich wieder schwierig: ich bin an ein Mehrparteiensystem gewohnt, in dem Koalitionen möglich sind, ich muss mich nicht zwischen zwei Optionen entscheiden, sondern kann versuchen, das Wahlergebnis durch die Stärkung einer kleineren möglichen Koalitionspartei zu stärken. Das kann auch schief gehen, wenn die kleineren Parteien, obwohl eine Koalitionsbildung möglich ist, in die Opposition gehen und z.B. eine große Koalition entsteht – meine Stimme hockt dann auch erst mal in der Opposition, aber sie ist meines Erachtens nicht verschenkt. Zudem spielt es wahrscheinlich eine Rolle, dass bei uns der Wahlkampf (noch?) nicht so personenfixiert ist. Unsere Zustimmung in einer Wahl gilt in den meisten Fällen einer Partei und ihrem Programm – und trotz der vielen nichtssagenden Portraitfotografien auf den Wahlplakaten nicht einer Person, oder?

Von verschiedenen Seiten heißt es jetzt: Naja, Trump werde vom Amt oder von seiner Administration gezähmt werden. Hm. Dennoch wird er der Politik und der Atmosphäre in den USA seinen Stempel aufdrücken, fürchte ich. Wenn Amt und Entourage die Person im Amt des Präsidenten beeinflussen, dann verstehe ich leider erst recht nicht, weshalb Trumpgegner, die mit Clinton ihre Schwierigkeiten haben/hatten, sie trotzdem nicht wählen konnten: Cintons Kabinett und Mitarbeiter wären ihren politischen Wünschen um so vieles näher als Trump und sein Trupp es je sein werden.

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3 Gedanken zu “Versuch über politische Vorstellungskraft

  1. Die echte Alternative wäre Sanders gewesen. Aber da in den USA sogar Health Care „zu kommunistisch“ ist, hält sich mein Mitleid in Grenzen.
    Brecht hatte recht mit seinen Kälbern und den Metzgern. 😉

    Mal sehen, wie weit Trump sein „teile und herrsche“ gegenüber der EU treiben wird. Sein Schulterschluss mit Putin und den Brexit-Darstellern zeigt deutlich, wohin die Reise geht.

    Und nein, ich glaube nicht, dass es hier besser laufen würde. Wir haben die Wand verdient, an die wir demnächst klatschen werden. Die Figuren mit der spiegelglatten Großhirnrinde, die sich im Pool der AfD sammeln, werden uns noch gewaltig wehtun.

    Man muss tun, was man kann, um zu verhindern, dass deren dumpfe Grundhaltung mainstreamfähiger wird, als sie es schon ist.

    1. annesch

      Ich weiß, dass es hier genauso passieren kann. Ich war einfach nur so schockiert, dass so viele nicht zur Wahl gingen, um Trump verhindern, nur weil sie was gegen Hillary haben – und versuchte mich in eine entsprechende Wahlzwickmühle zu manövrieren, um zu überlegen, wie sich das anfühlt: um dann festzustellen, dass die Wahlsysteme und das System mit zwei großen Parteien vs. Mehrparteiensystem den Vergleich sehr schwierig machen. Mir fällt gerade der Vergleich zu den französischen Präsidentschaftswahlen 2002 ein: LePen war in die Stichwahl gekommen, und die linken Parteien riefen zur Wahl Chiracs auf, um Le Pen zu verhindern. Man weiß natürlich nicht, was bei der kommenden Präsidentschaftswahl passiert. Ich finde einfach die Haltung „Wenn ich Sanders nicht kriege, ist es mit egal, ob Trump an die Macht kommt!“ so wahnsinnig schwierig nachzuvollziehen – da Trumps Präsidentschaft auch für die Sandersanhänger deutlich zu spüren sein wird. Ganz zu schweigen von mögliche Auswirkungen auf die Weltpolitik, z.B. Klimapolitik. Und ja, es ist jetzt an uns, möglichst viel zu tun, damit nicht entsprechende Ergebnisse in kommenden Jahren passieren. Ich bin für mich auch schon am überlegen, wie das für mich in der alltäglichen Praxis & im Engagement aussehen kann.

      1. Ich hoffe, dass der absurde Zirkus, den die in diesem Jahr so hochgespülten Populisten weltweit anrichten werden, so abschreckend wirkt, dass sich endlich eine echte Opposition bilden wird.
        Aber vielleicht erwarte ich zu viel von den Menschen. 🙂

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