Musik – Kunst – Sport

(Fotos: S. Hofschläger/pixelio.de) Ich weiß nicht, ob das heute in der Schule noch genauso ist, aber zu meiner Zeit (ich habe ’96 Abi gemacht) hatten die drei Fäche Musik, Kunst und Sport eines gemeinsam: Wer nicht schon ein Talent oder Unterrichtserfahrung in dem jeweiligen Gebiet mitbrachte, hatte wenig vom Unterricht.

Ich selbst habe als Kind bereits ein Instrument gelernt, erst Blockflöte, dann Querflöte – jeweils mit Unterricht -, habe mir selbst ein bisschen Klavier und Gitarre beigebracht (um eine Melodie mit Akkorden begleiten zu können) und habe immer schon gern und viel gesungen. Als Schülerin fand ich den Musikunterricht als Schulfach noch am sinnvollsten von den drei oben genannten Fächern, aber ich denke, das liegt eben hauptsächlich daran, dass ich die entsprechende Vorbildung hatte. Zwar war Noten-Notation und Rhythmik und Harmonielehre etc. durchaus Thema im Schulunterricht, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass man, wenn man nicht schon Erfahrung mit einem Musikinstrument hatte, wirklich viel von diesen Stunden hatte – selbst wenn man dann für die nächste Klassenarbeit dann eine Viertelnote von einer Achtelnote unterscheiden konnte und eine F-Dur-Tonleiter oder einen B-Moll-Akkord aufschreiben konnte… Zumindest wurde häufig zu Beginn der Stunde mit Klavierbegleitung des Musiklehrers gesungen, man konnte sich auch aus dem vorhandenen Liederbuch, in dem sich neben Volksliedern auch Beatles- oder Bob-Dylan-Songs fanden, was wünschen: besser als nichts, um seine Stimme auszuprobieren. Wir hatten auch ganz guten Unterricht, was die musikalischen Epochen und Anekdoten über verschiedene Komponisten angeht.

Aber ob der Unterricht jemandem, der nicht eine gewisse musikalische Vorbildung hatte, die Musik – egal welcher Epoche – wirklich erschloss? Ich habe meine Zweifel.

146639_web_r_k_b_by_s-hofschlaeger_pixelio-deGroße Zweifel hatte ich am Kunstunterricht. Ich weiß nicht, ob ich besonders schlechte Kunstlehrer_innen erwischt habe, oder ob das generell ein Problem von Schul-Kunstunterricht war. Alles, was ich über die Epochen der Kunstgeschichte weiß, habe ich mir über Museumsbesuche, Bücher, Artikel angeeignet, oft versuchte ich, für mich sozusagen Epochenparallelen zur Musik zu schlagen, um von meinem Verständnis der musikalischen Epochen ein Gefühl für die bildenden Künste zu bekommen… Meine Kunstlehrer in der Oberschule gehörten leider alle der Sorte „Künstler, die es als Künstler nicht geschafft haben und daher jetzt unterrichten (ohne didaktische Fähigkeiten)“ an. Theorie – Kunstgeschichte und Techniken etc. – wäre diesen Kunstlehrer_innen wahrscheinlich zu anstrengend gewesen. Ich weiß von Freunden und Bekannten, dass es andere Kunstlehrer gab, die ähnlich Epochen und Merkmale und Theorie unterrichteten, wie ich es aus dem Musikunterricht kannte. Theorie gab es bei mir also nicht, und in der Praxis gab es keine Anleitung. Wir bekamen eine Aufgabe gestellt – ein Landschaftsbild mit Plakafarbe im Palettenmessertechnik abmalen, was mir noch ganz gut gelang, da ich immer gerne manschte. Oder eine achteckige Espressokanne, die vorne auf dem Lehrertisch stand, abzeichnen – ich scheiterte an den Perspektiven, aber die hatte mir nie jemand erklärt. Andere hatten entweder ein natürliches Zeichentalent oder in der Grundschule bessere Lehrer gehabt… Ganz schlimm war es, als unsere Kunstlehrerin einen Mitschüler in Denkerpose nach vorne setzte und wir ihn abmalen sollten… Sie malte mir in mein wahrhaft misslungenes Bild mit ziemlich vernichtenden Bemerkungen die entsprechenden „richtigen“ Linien hinein, ich konnte auch sehen, dass ihre dahingeworfenen Linien das, was zu sehen war, tausend Mal besser abbildeten als das, was ich fabriziert hatte. Aber sie konnte mir nicht didaktisch vermitteln, wie ich von dem, was ich sah, zu halbwegs abbildenden Linien auf dem Papier kommen sollte. Wie gesagt, es fehlte selbst an grundlegenden Übungen zur Perspektive, wie ich sie inzwischen kennengelernt habe. Von anderen habe ich erfahren, dass sie im Kunstunterricht Übungen mit Zeichnungen von diesen hölzernen Gelenkpuppen machten oder ein Gitterraster auf ein Portraitfoto legten, um es dann zu übertragen – alles sinnvolle Vorübungen, finde ich.

Ich kritzelte immer gerne in Schulstunden, in denen ich mich langweilte, aber kam, denke ich, nie großartig über den Zeichenstil einer, sagen wir mal großzügig, Vierzehnjährigen hinaus… ;-). Sicher spielt da Mangel an Talent eine Rolle, aber ich denke, der Kunstschulunterricht hätte besser sein können…

Kommen wir zum Sport, was eigentlich der Auslöser für diesen Post war. Ich war in Sport nie sonderlich gut, immer auf ’ner Gnadenvier, vor allem, wenn es um Leichtathletik ging, Geräte und Ballspiele ging etwas besser, da war’s auch manchmal mit viel Augenzudrücken und „hat sich bemüht/hat Fortschritte gemacht“ eine Drei. Aus heutiger Perspektive sehe ich, dass ich damals übergewichtig zwischen pummelig und dick war, aber ich kam mir einfach unförmig und fett vor, was zu einer wahnsinnig schlechten Körperwahrnehmung und Koordination führte. Aus meiner Teenager-Zeit entsinne ich mich an Phasen, wo ich meine Körperwahrnehmung fast nur auf meinen Kopf beschränkte – ich weiß nicht, wie ich das genau beschreiben soll. Es klingt sehr widersprüchlich: Natürlich war der Rest des Körpers da und ich fühlte ihn auch, aber auf eine gewisse Art blendete ich ihn einfach aus, weil ich mich so dafür schämte, und trotz allen Ausblendens war mir dieser Körper trotzdem die ganze Zeit ständig bewusst, sobald ich mich im Raum bewegte. Weite, verhüllende, formlose Kleidung war eine Grundvoraussetzung, dass ich überhaupt glaubte, mich blicken lassen zu können.

Eine Freundin aus einem der Chöre, in dem ich singe, ist Lehrerin für Sport und Musik – und wenn sie von ihrem Sportunterricht erzählt, werde ich immer ganz neidisch. Denn sie holt die Kinder/Jugendlichen tatsächlich „dort ab, wo sie stehen“, wie es in pädagogischen Phrasen immer heißt: aber bei ihr ist das Realität. Beispiel Kastenspringen/Bockspringen: konnte ich nie. Ich bremste immer auf dem Sprungbrett ab, es war keine bewusste Angst, sondern schlicht und ergreifend, dass ich den Bewegungsablauf nicht klar hatte. Das beschäftigte mich damals wirklich. Zuhause versuchte ich, mir mit Sofapolstern auf dem Bett eine Art Kasten zu schichten und mit Anlauf darauf zu und darüberzuspringen, einfach, um mal den Bewegungsablauf klar zu bekommen. Dass das ohne entsprechenden Anlauf nicht gelang bzw. nichts brachte, versteht sich von selbst. Besagte Freundin aus dem Chor lässt die Kinder erst mal zwischen zwei Kästen durchhocken. Dann kommt da, wenn ich es recht in Erinnerung habe, ein Seil oder eine Flagge hin, die nach und nach höher gesetzt wird. Dann irgendwann in niedriger Stufe der Kasten/der Bock. Ich würde tatsächlich gern mal an einer ihrer Anfangssportstunden teilnehmen, um jetzt, Jahrzehnte später, doch noch endlich diesen Kastensprung zu lernen… 🙂 Oder in Sachen Ausdauer: Neulich sollte ihre neunte oder zehnte Klasse 30 Minuten Joggen. Sie wussten, wann das sein sollte, durften sich ihre Handys mit Playlists mitbringen – und die Bedingung war: wer das Joggen durchhält, selbst wenn es ultralangsam wird, kriegt eine Eins, solange man nicht ins Gehen verfällt. Einfach, weil es auch um die Herausforderung geht, um die Psychologie des Durchhaltens, um das Erfolgserlebnis – alle hielten durch. Oder: besagte Chorfreundin macht auf unseren Probenwochenenden vor der Sonntagvormittagprobe mit uns zum Warm- und Wachwerden eine Viertelstunde Aerobik (zu Diskomucke) – es macht total Spaß! Und nachdem wir das alle nun schon mehrere Jahre jeweils zwei Mal im Jahr machen, kriegen wir die Stepfolgen inzwischen ganz gut hin…

Was ich mir einfach wünsche, wäre, dass ich einen solchen Sportunterricht gehabt hätte, wo es nicht nur einfach geheißen hätte: mach mal. Sondern der auch die Voraussetzungen für das Machen geschaffen hätte. Klar wurden Bewegungsläufe besprochen oder langsam geübt – aber ich wünsche mir, eine Sportlehrer_in hätte mich angesprochen und ermutigt, z.B. einen Selbstverteidigungssport oder Yoga oder so etwas ähnliches anzufangen, um ein besseres Körpergefühl zu kriegen (inzwischen mache ich Feldenkrais, was für Körperwahrnehmung der Hammer ist, aber dazu ein anderes Mal). Oder es hätte eine Nachmittags-Schul-AG gegeben, wo man gezielt Ausdauer oder Muskeln unter Anleitung hätte aufbauen können oder in aller Ruhe und mit Hilfe bestimmte Geräte lernen könnte – in der Zeit, wo ich mit Sofakissen versuchte, den Kasten nachzustellen, wäre ich da bestimmt hingegangen: solange irgendwie klar gewesen wäre, dass das ein Angebot für gerade die sportlich nicht so Fitten gewesen wäre.

Klar, diese Sachen wie Körpergefühl und Koordination etc. sind alles Sachen, die andere vielleicht von ihrer Familie mitbekommen haben. Wir waren keine bewegungsfaule Familie – angefangen von Wanderungen im Urlaub und Spaziergängen im Alltag bis hin zu viel Fahrradfahren -, aber meine Eltern waren nicht sportlich im Sinne von Sport um des Spaßes an der Freude willen. Mein Vater meinte nur, er könne auch nicht gut komplizierte Bewegungsabläufe – also nahm ich das so hin, dass das so war. Meine Eltern finanzierten mir Instrumentalunterricht – aber sie ermutigten mich nicht, in einen Sport- oder Turnverein zu gehen, vielleicht auch in der Annahme, dass das nur was für Sportliche war.

Eventuell liegt es ein bisschen auch am Umzug, der stattfand, als ich in der 2. Klasse war, dass ich den Anschluss im Sport verlor. In meiner Grundschule in Hessen hatte, soweit ich mich erinnere, der Sportunterricht aus Lauf- und Hüpfspielen bestanden, Balancieren auf Bänken, solche Sachen. Im „Beurteilungs-Zeugnis“ der ersten Klasse steht „Gestellte Bewegungsaufgaben löst sie sicher.“ Naja. Mit dem Umzug nach Berlin ging zum einen das Übergewicht los – aus welchen Gründen auch immer -, zum anderen hatte ich plötzlich einen Sportunterricht, an dem ich irgendwas an Ringen und Seilen und Kletterstangen machen sollte, die ich nie zuvor ausprobiert hatte. Zur Ehrenrettung des hessischen Schulsystems sei gesagt, dass wir dort schon mit Bruchrechnung angefangen hatten, was in Berlin erst ein halbes Jahr später kam… ;-).

Ich finde es sehr schade, dass es gerade in der Praxis der drei Fächer Musik, Kunst und Sport so sehr darauf ankam (und vielleicht immer noch darauf ankommt, je nachdem, was für Lehrer_innen man erwischt), was man selbst in diesem Bereich schon mitbringt. Die Fächer böten die Chance, den Kindern/Jugendlichen in diesen drei Bereichen etwas mitzugeben, was sie eben gerade nicht durch ihre Familie erhalten, etwas, das ihnen ganz unabhängig von ihrem späteren Beruf das Leben bereichern kann.

Übrigens, to end on a different note (pun intended): Neulich stieß ich auf einen interessanten Artikel, in dem sich ein Mathematiker ausmalt, wie Musikunterricht aussehen würde, wenn er so trocken unterrichtet würde, wie Mathematik an der Schule vermittelt wird: als seien die Noten und Notation das wichtige, und die Töne und Hörerfahrungen würden als zu anspruchsvoll angesehen und erst fortgeschrittenen Schülern und Studenten zugänglich gemacht – sehr lesenswert: A Mathematician’s Lament (by Paul Lockhart).

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3 Gedanken zu “Musik – Kunst – Sport

  1. mihani

    Oh ja, was gute Lehrer bewirken können! Gerade bei meiner Großen erlebt: Sportunterricht war immer lästig und frustrierend, Bewegung sowieso uninteressant. Und jetzt – neue, engagierte Lehrerin in der 7. Klasse. Und meine Tochter sorgt sich, sie könnte krank werden und eine der tollen Sportstunden verpassen…
    So schade, dass ihr diese Freude an der Bewegung sicher wieder genommen werden wird. Mit Notentabellen und Drill.

  2. Musik war ein Horrofach für mich – was an meiner Dyskalkulie liegt. Zu nahe an Mathematik und deshalb nur unverständliche Punkte. Ich habe ´94 Abi gemacht und damals kümmerte sich niemand um Dinge wie Legasthenie (das hatte ich zum Glück nicht) oder Dyskalkulie. Solche Schüler waren „einfach faul“, kassierten ihre schlechten Noten und bildeten sich ein, zu blöd zu sein, bis sie irgendwann im Erwachsenenalter mal die Diagnose bekamen und vor lauter „Aha!“-Moment fast umfielen.
    Kunst war ähnlich albern. Ich hatte auch so verhinderte Künstler als Lehrer – bei denen erschwerend hinzu kam, dass ich recht schnell korrekter zeichnen konnte als sie, was mir zusätzliche Minuspunkte brachte. Aber da ich ein Semester Kunstpädagogik studiert habe, bevor ich dann doch in Richtung Grafik-Design geflohen bin, kann ich sagen: In der Ausbildung wird Theorie um den Faktor zwei höher gewichtet als Praxis.
    Das mit dem anatomischen Zeichnen lernt man tatsächlich nur durch Übung. Gliederpuppen helfen nur, wenn man es eh schon kann. Sinnvoll ist: Jahrelang jede Woche Aktzeichnen. Einfach stur zeichnen. Es gibt keine Tricks und keine Abkürzungen, keine Pädagogik und kein „so macht man das“. Am meisten habe ich tatsächlich in meinen acht Semestern Aktzeichnen und Freies Zeichnen an der FH gelernt. Und da war die maximale Hilfe, die man vom Prof bekam, tatsächlich ein paar fette, richtige Kohlestriche in der eigenen Zeichnung. Hat geholfen! Danke Professor Eberwein! 🙂
    In Sport war ich gut in den Sportarten, die brutale Kraft verlangten. Rücksichtslosigkeit war ganz mein Ding. Aber pädagogiosch habe ich die selben Erfahrungen gemacht wie Du: Lehrer, die die Schüler halt beschäftigen. In der 12 und 13 hatte ich sogar eine Lehrerin, die trotz ihres unglaublich gesunden Aussehens 80% der Stunden krank ausfallen ließ. Also auch keine große Motivation. Aber sie hat zumindest meine Freude daran, Stahlkugeln durch die Gegend zu werfen, gefördert. Und hat nie verlangt, dass ich Gymnastik mit dem Band oder andere Tralala-Hoppsassa-Sachen mache.
    Ich denke, Schule ist halt einfach traumatisch. Muss es sein. Denn (Achtung, ich werfe die Phrasendreschmaschine an) das Leben ist nunmal kein Ponyhof, niemand bepuschelt einen später und ein wenig Frust härtet nur ab. 🙂

    1. annesch

      🙂 Klar können korrigierende Striche helfen… Bloß hätte ich es gut gefunden, wenn ein paar Sachen erklärt worden wären. Und Ponyhof hin oder her: es geht nicht um Betüddelung, sondern um Bereicherung – und das in die Lage versetzen, später nach der Schule in diesen Bereichen Musik, Sport & Kunst sich selbständig weiterzuentwickeln, ohne auf Zufallsentdeckungen angewiesen zu sein, auch wenn man keinen bildungsbürgerlichen Hühnerbrühe (😭 Drecksautokorrektur! Ich meinte Bildunghintergrund!) hat 😉 Dass Schule auf irgendeine Art oft ätzend ist, und dass das auf viele Sinnlosigkeiten des Lebens vorbereitet – unbenommen. Es ist nur eine so unglaubliche Vergeudung von Interesse, Enthusiasmus und Lebenszeit – und einzelne Lehrer_innen zeigen, dass es auch anders geht: bei mir war es vor allem eine Lehrerin für Latein & Chemie, die begeisterte.

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