Von der Suche und von Ärzt*innenfunden

(Bild: S. Flaisch /pixelio.de) Mir ist klar, dass ich als Großstadt-Bewohnerin damit ein Luxusproblem beschreibe: die Wahl, zu welcher (Fach-)Arztpraxis man geht. In kleinen Orten hat man vermutlich weniger Auswahl oder muss sehr viel längere Anfahrtswege in andere Orte in Kauf nehmen – oder man geht in die Arztpraxis, die es eben gibt.

Ich habe gerade im letzten Jahr festgestellt, dass nichts über persönliche Empfehlungen aus dem Bekannten- und Freundeskreis geht. Ich bin noch lange nach meinem Umzug innerhalb Berlins 2013 zu meiner vertrauten und sehr guten Hausärztin nach Wedding gefahren (je nach Verkehrsmittel 35-45 Minuten), weil das bei weniger akuten Terminen einfacher schien, als irgend eine Arztpraxis in der Nähe auszuprobieren. Der Arzt, zu dem ich mich mit Grippe wegen einer Krankschreibung schleppte, war zwar nett, aber überzeugte mich nicht. Schließlich fragte ich im Chor herum, was ich auch schon gelegentlich, wenn es sich ergeben hatte, in Bezug auf Fachärzte gemacht habe – und Bingo! Eine Ärztin im Chor kannte eine Studienfreundin, die sich gerade bei mir in der Gegend in einer Gemeinschaftspraxis als Hausärztin niedergelassen hatte! Ich bin der Empfehlung gefolgt und bin sehr zufrieden.

Auch meinen Augenarzt, meine Hautärztin, meine Gynäkologin habe ich durch Empfehlungen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis gefunden. Der Augenarzt ist sogar in der Nähe, was sehr nützlich ist. Als stark Kurzsichtige muss ich mir einmal im Jahr die Pupillen weittropfen lassen, damit die Netzhaut kontrolliert werden kann. Wer die Prozedur nicht kennt: Man bekommt Augentropfen, die verhindern, dass sich die Pupille reflexartig bei hellem Licht zusammenzieht, damit der Augenarzt ordentlich hineinleuchten kann. Konsequenz: Man sieht ein paar Stunden lang ziemlich unscharf und ist extrem lichtempfindlich – da ist es sehr praktisch, wenn man keinen langen Weg mehr nach Hause hat und das Fahrrad schieben muss… :-D.

Vorher bin ich immer zu einer sehr guten Augenärztin gefahren, die mir mein Optiker empfohlen hatte, deren Praxis aber leider sehr weit entfernt lag. Generell sind die Personen, die nicht direkt Ärzt*innen sind, aber auch mit der medizinischen Versorgung zu tun haben, auch eine gute Anlaufstelle für Arztempfehlungen: also z.B. Optiker*innen, Physiotherapeut*innen, Sanitätshausmitarbeiter*innen etc. Sie kennen sich mit dem Fachgebiet aus und haben eine ganz gute Einschätzung, glaube ich, welche Ärzt*innen in dem Gebiet zu empfehlen sind, auch, weil wahrscheinlich auch die Patient*innen immer mal persönliche Einschätzungen, Fragen, Beschwerden zu Diagnose und Behandlung fallenlassen.

Bis ich jetzt die ärztliche Betreuung zu meinem aktuellen Thema Lipödem gefunden habe, war es ein etwas weiterer Weg. Tatsächlich hatte ich das Thema schon mal gestreift, als ich mir im Frühjahr meine einzige sichtbare Krampfader an der linken Wade wegmachen ließ, in einer ambulanten OP. Die Praxis (das Fachgebiet bezeichnet man mit dem wunderhübschen Wort Phlebologie!) war auf diese OPs spezialisiert, meine Venen wurden untersucht, die notwendige OP besprochen, der Ablauf der OP war sehr gut und routiniert, der Heilungsprozess verlief ohne Probleme. Neben der zu entfernenden äußeren Vene hatte die Ärztin alle weiteren Beinvenen mit Ultraschall untersucht und mir mitgeteilt, dass alle in Ordnung seien. Als ich erwähnte, dass mir gelegentlich die Beine schmerzten und ich daher davon ausgegangen sei, dass ich eine allgemeine Venenschwäche hätte, meinte sie nur, das wäre vielleicht ein orthopädisches Problem, ohne sich genauer nach der Art der Schmerzen (ziehend, oft besonders stark in den Kniekehlen oder unlokalisiert das ganze Bein) oder den Zeiten des Auftretens zu erkundigen (nach langen Autofahrten mit langem Sitzen, nach Tagen der Bettlägrigkeit z.B. bei Grippe…). Ich hatte zu diesem Zeitpunkt die OP im Blick und fragte nicht weiter.

Nach der OP begann aber noch mal zu überlegen. Ich war ja nicht aus dem Nichts dazu gekommen, zu glauben, dass ich eine allgemeine Venenschwäche hätte: Meine Mutter hatte immer Probleme mit den Krampfadern (erst recht, nachdem sie als junges Mädchen im Verkauf gearbeitet hatte und nach vier Schwangerschaften) und mehrere OPs gehabt. Als ich als Teenager ihr gegenüber von schweren bis schmerzenden Beinen nach langen Tagen oder nach einem Museumsbesuch etc. sprach, ging sie davon aus, dass das auch bei mir der Fall sei. Vor allem, wenn dann das linderte, was auch bei Venenschwäche gegen die Schmerzen hilft: Beine hochlegen, kalt abbrausen… Nachdem ich nun von der Venenärztin gehört hatte, dass meine anderen Venen und Venenklappen in Ordnung waren, recherchierte ich ein bisschen und stieß auf das Lipödem. Hm. Das klang irgendwie plausibel. Ich hatte vor ein paar Jahren auch schon mal davon gehört, es aber als eine Pathologisierung einer bestimmten Körper- und Übergewichtsform abgetan, im Interesse der Schönheitschirurgen- und Kompressionsstrumpflobby.

Jedenfalls fragte ich bei einem der Nachsorgetermine zur Venen-OP die Phlebologin, ob ich möglicherweise ein Lipödem haben könnte, und zählte die möglichen Gründe und Symptome auf, die nach dem, was ich gelesen hatte, dafür sprechen konnten. Sie guckte mich an, pickste mit einem Finger in eine Stelle an meinen Oberschenkel und fragte: „Tut das weh?“ Als ich verneinte, meinte sie: „Sie haben kein Lipödem.“ Ich ließ mich gerne überzeugen. Die Probleme, die ich hatte, traten ja nicht ständig auf. Auf dauerhafte Kompressionsbestrumpfung hatte ich eigentlich keine Lust.

Das änderte sich schlagartig, als im Spätsommer meine Beine täglich anfingen zu schmerzen: Sie waren morgens schon bleischwer, als sei ich nachts durch drei Museen gelaufen oder hätte eine Shopping-Tour hinter mir, die Schmerzen kamen im Lauf des Tages, vor allem, wenn ich viel saß oder stand. Ich beschäftigte mich erneut mit dem Lipödem und kam zu dem Schluss, dass ich ziemlich sicher eines hatte. Wenn sämtliche „Leitsymptome“ auf einen zutreffen, kann man auch als medizinischer Laie recht sicher sein. Gleichzeitig war ich natürlich verunsichert, wegen der Reaktion der Phlebologin. Venenspezialist*in hieß nicht automatisch, dass sich die Person auch mit Lipödem auskennt. Vielleicht kannte sie nur die ganz schweren Fälle, und da bei mir der Bereich von den Knien bis zu den Knöcheln noch nicht so stark betroffen ist, tat sie es ab. Ich habe kein Problem damit, dass sie sich damit nicht auskennt, jeder hat sein spezielles Gebiet, ihres sind ambulante Venen-OPs. Aber sie hätte sagen können: „Hm, meiner Meinung nach haben Sie kein Lipödem, aber so gut kenne ich mich damit auch nicht aus. Fragen Sie noch mal jemanden, der sich auf den Bereich spezialisiert hat.“ Aber so etwas von Fachärzt*innen im Allgemeinen und Besonderen zu erwarten, ist vielleicht utopisch… Im Idealfall hätte sie mir gleich einen Kollegen empfehlen können.

Statt dessen stand ich also da, mit einer (fast sicheren) Diagnose, aber ohne Ärzt*in. Einfaches Suchen im Internet und auf Ärzteportalen half nichts – denn Werbung damit, dass sie Lipödem behandeln, das haben vor allem (Schönheits-)Chirurgiepraxen auf ihrer Webseite. Eine OP ziehe ich definitiv noch nicht in Betracht, auch wenn viele sagen, dass dies das einzige sei, was gegen die Schmerzen ursächlich helfe. Ich wollte eine lymphologische oder angiologische oder phelbologische Praxis mit dem Schwerpunkt Lipödem. Über das Internet fand ich nichts. Also begann ich, in meinem ärztlichen Bekanntenkreis herumzufragen. Ein Schulfreund, der inzwischen als innerer Mediziner auch mit dem Bereich Diabetologie zu tun hat, wurde angeschrieben, er antwortete, dass  er sich gerne umhören würde, aber zur Zeit im Urlaub sei. Sehr praktisch ist es, dass ich in zwei Chören singe (und in einem kleineren Ensemble, aber da sind keine Ärzte dabei) und dass es musikalische, singende Ärzt*innen gibt. Bei dem einen, kleineren Chor flaxen wir immer herum, dass auf den Chorfahrten alles mögliche passieren könnte, und wir dank verschiedener Ärzte gerüstet wären, von kardiologischen, gastroentologischen bis hin zu zahnmedizinischen Problemen… Jedenfalls sprach ich diejenige an, die mir auch schon meine neue Hausärztin (die ich auch schon gefragt hatte) empfohlen hatte, und schilderte ihr das Problem. Sie meinte, sie wüsste eventuell jemanden und würde ihn mal fragen. Auch in dem anderen Chor fragte ich eine Allgemeinmedizinerin, sie wollte auch jemanden fragen. Lustigerweise empfahlen mir beide denselben Arzt (und die eine war, wie sich herausstellte, früher die Oberärztin der anderen gewesen…), Berlin ist doch ein Dorf… 😉

Ich bekam durch dieses Vitamin B erstaunlich schnell einen Termin in der ambulanten Sprechstunde dieses Krankenhausarztes. Er untersuchte meine Beine und Venen noch mal gründlichst und kam auch zu dem Schluss, dass meine Venen in gutem Zustand seien und dass ich ein Lipödem habe, er wies die entspechenden Gewebeechos mit dem Ultraschall nach (hier habe ich ausführlicher über diesen Arztbesuch geschrieben). Zwar hatte ich jetzt eine Diagnose, aber immer noch kein Rezept für Kompressionsbestrumpfung (ich trage ja seit Oktober täglich meine improvisierte Kompression, weil es gegen die Schwere und Schmerzen hilft). Ich hatte zwar einen Arztbrief mit der Diagnose, aber meine Hausärztin wusste nicht genau, was auf so ein Rezept musste.

Inzwischen hatte ich aber über Internet und eine weitere Betroffene immerhin den Namen einer Ärztin in Berlin, die sich mit Lipödem sehr gut auskennen soll. Als ich in der Praxis anrief, bekam ich allerdings erst einen Termin für Mai 2017! Als ich die Sprechstundenhilfe relativ verzweifelt fragte, ob sie mir womöglich zu diesem Thema auch einen andere Praxis empfehlen konnte, gab sie mir folgenden Tipp: Ich solle bei der und der Mitarbeiterin des Sanitätshauses Sowieso anrufen, die würde sich sehr gut mit dem Thema auskennen, sie würden oft mit ihr zusammenarbeiten. Sie könnte dann aufschreiben, was auf das Rezept müsste, damit meine Hausärztin es ausstellen könnte. (Übrigens, wichtiger Hinweis für alle Lipödem-Betroffenen: die flachgestrickten (sauteuren) Kompressionsstrümpfe bei Lipödem belasten nicht das Budget der jeweiligen Arztpraxis, sie gelten als medizinische Hilfsmittel! Dies nur für den Fall, falls sich jemand mit Hinweis auf die Budgetbelastung weigern sollte, ein Rezept für flachgestrickte Kompression auszustellen!)

Ich nahm Kontakt auf, bekam schnell bei der sehr netten Mitarbeiterin einen Termin – sie warf einen Blick ohne Ultraschall oder auf den Arztbrief auf meine Beine/Hüften und meinte, ich hätte eine ganz klassische Ausprägung, vor allem durch die schlanke Taille. Und ich glaube nicht, dass sie das aus Umsatzgründen gesagt hat, sondern weil sie sich mit dem Thema einfach auskennt. Sie beriet mich und fertigte einen Zettel für ein mögliches Rezept an, außerdem vermaß sie schon mal provisorisch meine Beine, um dann schneller einen Kostenvoranschlag für die Krankenkasse machen zu können, sobald das Rezept da war. Als ich sie fragte, ob sie vielleicht eine Praxis mit dem Fachgebiet Lipödem kennen würde, nannte sie auch nur die, bei der ich den Termin im Mai 2017 hatte. Als ich sie fragte, was auf dem Rezept für Manuelle Lymphdrainage stehen muss, damit es von der Krankenkasse problemlos anerkannt wird, musste sie passen. Aber sie schlug vor, dass wir zu dem auf Lymphdrainage spezialisierten Physiotherapeuten (der auch Lehrkraft für Weiterbildung in dem Bereich sei) im Obergeschoss des Hauses gehen sollten, der würde sich auch gut auskennen, und wisse sicher, was auf dem Rezept stehen müsste. Gesagt, getan. Der Physiotherapeut war sehr nett, er machte eine Kopie eines Musterrezeptes und wusste außerdem noch eine Ärztin, die sich auskannte – und dort bekam ich innerhalb von 14 Tagen einen Termin! Yay!

Inzwischen war ich da, fühle mich bei der Ärztin gut aufgehoben, habe das Rezept für Kompression (manuelle Lymphdrainage gibt es erst dann, wenn ich Kompression habe, damit es nicht für die Katz ist), das Rezept und Kostenvoranschlag durch das Sanitätshaus wurden von der Krankenkasse bewilligt, vergangenen Freitag wurden meine Beine richtig genau vermessen (und „unter Zug“, wie man sagt, so dass die Strümpfe eng genug sind, dass sie auch Kompression ausüben) – und mit großer Wahrscheinlichkeit kriege ich meine Kompressionsbestrumpfung noch diese Woche!

Dieser Blogpost ist sehr viel länger geworden, als ich vorgehabt hatte – entschuldigt! Jedenfalls möchte ich ermutigen, bei der Suche nach irgendwelchen Medizinern im Freundes- und Bekanntenkreis herumzufragen und bei weiteren medizinischen Berufen, mit denen man zu tun hat – es hat sich für mich absolut bewährt.

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