Feuerwerk… Orrr!

(Bild: diamantenjoe/pixelio.de) Ich bin wahrscheinlich eine Spielverderberin, wenn ich jetzt schreibe: Ich wünschte, es wäre bei uns nicht üblich, privat Feuerwerk und Böller abzubrennen. Soweit ich weiß, gibt es Länder, in denen es verboten ist, und es Raketen nur im Rahmen eines öffentlichen, komponierten, von Pyrotechnikern abgebrannten Feuerwerks gibt. Wie es dort jeweils mit Böllerei steht, weiß ich nicht. Ich plädiere auch nicht (unbedingt) für ein Verbot, ich wünsche nur, die Feuerwerk-Exzesse der letzten Jahre wären wieder rückläufig. Aber ich fürchte, das wird nicht von selbst passieren.

Ich muss vielleicht dazu sagen, dass ich aus Berliner Innenstadt-Perspektive schreibe, wie es in den Außenbezirken aussieht, oder in Kleinstädten oder in Dörfern, das kann ich nicht beurteilen.

Ich mag Feuerwerk eigentlich furchtbar gern. Eine frühe Kindheitserinnerung, als ich das erste Mal zu Silvester aufbleiben durfte, ist, am Hausflurfenster in den höheren Stockwerken zu stehen und am Horizont die Raketen zu bestaunen. Das war in Frankfurt/Main in den 80ern. In unserer Familie bekam jedes von uns Kindern eine Packung Wunderkerzen, die wir dann um Mitternacht draußen abbrannten, Schleifen und Muster in die Luft malten. Ich kann mich nicht erinnern, mir je selbst das Abbrennen von Raketen und Böllern gewünscht zu haben, mir reichte es, das Feuerwerk zu betrachten.

Und gerade das, das Betrachten, kann man in den letzten Jahren in Berlin eigentlich vergessen. Ich habe zwei große Brücken, die über S-Bahn- und Zug- sowie Grünanlagen führen, sie sind eigentlich ideale Standpunkte, um Feuerwerk zu betrachten. Von der einen Brücke aus sieht man normalerweise problemlos die Gebäude des Potsdamer Platzes (vielleicht 2-3 km Luftlinie) und den Fernsehturm auf dem Alex (vielleicht 5-6 km Luftlinie?). Normalerweise. Inzwischen ist spätestens 10 Minuten nach Mitternacht ein solcher Pulverdampf in der Luft der Innenstadt, dass man von diesen weiter entfernten Gebäuden nichts mehr sieht. Und je nach Wetterlage, je nachdem, wie viel Luftfeuchtigkeit und damit Neigung zu Nebelbildung herrscht, sieht man manchmal nur noch die Raketen, die direkt von der Brücke aus abgebrannt werden. Davon abgesehen, dass es einiges an Mut braucht (zumindest als lärmempfindliche Person, die ich bin, die schreckhaft auf laute Geräusche reagiert) die noch nicht einmal 500 m zu der Brücke zu gehen, während ringsherum eine Geräuschkulisse herrscht, die einem Historienfilm mit ordentlich Kanonendonner als Geräuschespur zur Ehre gereichen würde.

Was die Vernebelung der Stadt angeht, mag man argumentieren, dass daran jeweils hauptsächlich die Wetterlage schuld sei. Nun muss man wissen, dass Berlin eigentlich eine Stadt ist, die zwar auch mal trübes Regenwetter hat, aber Nebel ist eigentlich ziemlich selten – ohne Statistiken zu führen, würde ich spontan sagen, vielleicht 1-2 Mal im Jahr (ohne Silvester)? Ob es daran liegt, dass Berlin relativ flach ist, so dass keine Kessellage entsprechende Wetterlagen fördert, oder daran, dass das Wetter in Berlin eher kontinental (und damit vergleichsweise trocken) ist, oder daran, dass häufig ein kalter, trockener Ostwind durch die Stadt fegt, weiß ich nicht. Was ich aber weiß, ist, dass Nebelbildung auch viel damit zu tun, ob sich Kondensationskerne in der Luft befinden – schlicht und ergreifend winzige Partikel, an denen sich die vorhandene Luftfeuchtigkeit leichter und schneller kondensieren kann als sie es täte, wenn die Luft klar wäre. Legendär waren die Londoner Nebel „pea-soupers“, also erbsensuppendicke Nebel, die durch die feuchte Themse-Luft und die hohe Luftverschmutzung entstanden. Allein dem „Great Smog“ von 1952 werden 12.000 Todesfälle in jenem und in den Folgejahren zugeordnet, was zum Clean Air Act und der Verbannung z.B. von Kohleheizungen aus der Londoner Innenstadt führte.

Das erste vernebelte Silvester, an das ich mich erinnere, ist der Jahreswechsel 1999/2000- Das war insofern ein Sonderfall, als dass es schon tagsüber nebelig geworden war (allerdings waren auch schon im Lauf des Tages zahlreiche Böller etc. gezündet worden). Ich feierte auf einer Party in Friedrichshain, kannte den Weg dorthin aber nur mit ÖPNV, fuhr aber im Auto mit einer Freundin hin und sollte sie lotsen… – wir mussten auf dem Weg dorthin an den Straßenecken teilweise aus dem Auto steigen, um die Straßenschilder lesen zu können! 😀 Um Mitternach standen wir auf dem Dach des Altbaus (es gab eine ebene Fläche…) und konnten gerade so noch die Regenrinne des auf der anderen Straßenseite (es war eine schmale Straße, für Berliner Verhältnisse) liegenden Hauses sehen und winkten mit unseren Wunderkerzen in Richtung derer, die dort auf dem Dach standen und feierten (wir konnten sie hören) – es hatte ein absurdes, phantastisches Einsame-Insel-Feeling.

In der Form habe ich es seither nicht mehr erlebt, aber in den letzten Jahren kommt nach Mitternacht spätestens der große Dunst und Nebel. Ich werde dieses Jahr wahrscheinlich auch drauf verzichten, auf eine Fete zu gehen oder zum Feuerwerk-Gucken aus dem Haus zu gehen: Letztes Jahr fanden meine Lungen das gar nicht gut, was ich da eingeatmet habe. Das Gefühl, das sich da einstellt, nämlich dass die Luft nur irgendwie bis zur ersten Verzweigung der Bronchien gelangt und es danach „irgendwie eng“ wird, ist sehr unangenehm. Zum Glück habe ich einen lindernden Inhalator. Ich habe (zum Glück) noch keinen richtigen Asthma-Anfall gehabt, aber meine allergischen Reaktionen und somit auch Empfindlichkeit gegen Mikropartikel führen bei mir nicht nur zu Nieserei sondern wirken sich eben auch auf die Bronchien aus. Ich mag mir gar nichts ausmalen, wie diese Silvesterluft sich für Leute mit richtigem Asthma anfühlt.

Von der Knallerei, die die ganzen Tage vorher schon in Berlin stattfindet, ganz zu schweigen. Es gibt leider genug Idioten in Berlin, die es superlustig finden, Leuten Böller direkt vor die Füße oder auch vor das Fahrrad zu werfen. Oder von Balkonen aus in Kapuzen von Vorübergehenden zu zielen. Ich weiß nicht, was in Köpfen von solchen Idioten vorgeht. Ich brauche meine Ohren noch, sehr dringend, vielen Dank.

Ich versuche – und es fällt mir schwer, ich gebe es zu – mir zu sagen: OK, nur weil Du keine lauten, plötzlichen Geräusche magst, heißt das nicht, das andere Leute das nicht supertoll und absolut geil finden. Geschmäcker sind verschieden. Was mir auch schwer fällt, nachzuvollziehen, ist die schiere Menge des Zeugs, das die Leute anschleppen und abzünden und so mit ihren Raketen und Böllern beschäftigt sind, dass sie ihre Umgebung bzw. das Feuerwerk der anderen gar nicht wahrnehmen. Weniger wäre mehr, für alle Beteiligten, weil dann auch nicht dieser Pulverdampf entstünde, der die Sicht auf das Panorama verhindert. Von Freunden und Bekannten, die Haustiere haben, weiß ich, dass die Silvesternach für die armen Viecher ein einziger Horror ist – und im Gegensatz zu mir haben sie keinen angepassten Gehörschutz (Friede den Ohren…!).

Und mir ist es ein absolutes Rätsel: Wir bemühen uns alle, den gesundheitsschädlichen Feinstaub einzuschränken. Zu recht, denn Feinstaubbelastungen führen nicht nur zu Atemwegserkrankungen bis hin zu Lungenkrebs, sondern auch zu Schädigungen des Herz-Kreislaufsystems. Aber warum strengen wir uns so an, um dann Silvester ein Vielfaches der gesundheitlichen Grenzwerte in die Luft zu ballern? Sehr interessant ist diese Graphik des Umweltbundesamts, auf der man sich jeweils die Feinstaubbelastung vom 31.12.2015 20:00  h bis 01.01.2016 16:00 h anzeigen lassen kann. Toll, wird mancher vielleicht sagen, bis zum Nachmittag des nächsten Tages ist doch alles wieder im Normalbereich – ich finde es trotzdem nicht toll.

Ich wäre komplett damit zufrieden, wenn es einige große öffentliche Feuerwerke geben würde, die man sich anschauen könnte. Auf Böller kann man aus meiner Perspektive komplett verzichten, aber das ist sehr subjektiv, ich weiß. Wenigstens sollte das ganze Zeug sehr viel teurer sein, damit nicht mehr so viel abgebrannt wird. Da ich mir in anderen Bereichen auch durchaus mal unwesentliche Dinge, die man eigentlich nicht braucht, kaufe, aus reinem Spaß an der Freude, will ich die Argumentation  in Richtung „Spende statt Böller“ hier nicht weiter ausführen, wobei ich sie aus meiner Perspektive natürlich ganz richtig finde. Und wie gesagt, dieser ganze Rant bezieht sich auf die dicht besiedelte Innenstadt… Mich interessiert, wie Ihr über Feuerwerk denkt. Wie ist Eure Perspektive? Kann mir jemand das Tolle an Böllern vermitteln? Ist meine Haltung die einer totalen Spaßbremse…? Ich bin gespannt auf Eure Meinungen.

Jedenfalls muss ich mich für den Jahreswechsel 2017/2018 endlich so organisieren, dass ich nicht in Berlin bin… :-). Falls jemand einen Fluchtvorschlag für den anstehenden Jahreswechsel hat, der noch nicht ausgebucht ist, ich bin ganz Ohr (oder Auge)!

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5 Gedanken zu “Feuerwerk… Orrr!

  1. (Vorweg: Ich helfe seit langer Zeit jedes Jahr bei meiner besten Freundin beim Feuerwerksverkauf aus, deshalb ist meine Perspektive wohl speziell 🙂 )
    Das meiste, was du beschreibst, ist tatsächlich „gefühlt“, da seit Jahren das private Feuerwerk immer stärker reglementiert wird. Die Hälfte der noch vor zehn Jahren erlaubten Böller sind mittlerweile verboten, genau wie Luftheuler und sogar die furzharmlosen kleinen Knallketten – was jedes Jahr für sehr traurige Kinder sorgt. Die Menge des pro Rakete verbauten Schwarzpulvers wurde herabgesetzt und dass für Luftpistolen Dinge wie die beliebten Starenschreck nur noch auf Winzerschein erhältlich sind, ist vermutlich auch weniger allgemein bekannt als es sein sollte. 🙂
    Kurz: Es wird weniger.
    Aber: Es wird auch schöner! Denn das private Batteriefeuerwerk ist auf dem Vormarsch. Das ist sicherer, macht weniger Dreck (da kompakter) und ist vom Profi komponiert – also wirklich hübsch!
    Was ich damit sagen will ist, dass in Deutschland mittlerweile der Nannystaat alles so in die Hand genommen hat, dass man sich schon sehr anstrengen muss, um sich in Gefahr zu bringen. 🙂
    Ich selbst werfe jedes Jahr so zwei, drei Böller und mehr brauche ich nicht. Aber ich fände es schade, wenn man mir das auch noch verbieten würde.

    1. annesch

      Das ist eine sehr interessante Perspektive mit vielen Informationen, die ich nicht hatte, danke dir! Trotzdem muss ich noch mal betonen, dass sich hier ab Mitternacht eine Dunst- & Nebelglocke über die Stadt zu legen beginnt, so dass ich vermute, dass, obwohl in der einzelnen Rakete weniger Schwarzpulver verbaut ist, die Quantität des abgebrannten Feuerwerks trotzdem für mehr Feinstaub in der Luft sorgt als vor zehn Jahren. Es wird von 00:00 – 1:00 in einer solchen Dichte abgebrannt, wie es früher vielleicht nur in der ersten Viertelstunde nach Mitternacht üblich war. Dazu kommt, dass zumindest hier in Berlin, illegales Feuerwerk ein Problem ist, vgl. http://www.rbb-online.de/panorama/beitrag/2016/12/warnung-vor-illegalem-feuerwerk.html . Das komponierte Batteriefeuerwerk nehme ich ein bisschen als Aufrüstung wahr, so schön es auf einer nicht zu vollen Straße sein mag, an den Feuerwerksstellen bei mir in der Gegend geht alles in der Masse unter. Wie ich auch schrieb: Ich plädiere nicht für ein Verbot, sondern dafür, dass es wieder normalere Maße annimmt – vielleicht indem man die gesundheitlichen Schäden und die Kosten der Straßenreinigung (hier ist an manchen Kreuzungen Bürgersteig und Asphalt vor lauter Überresten nicht mehr zu sehen) eingepreist werden würden…? Was ich mich auch jedes Jahr frage: was die armen Viecher der innnerstädtischen Fauna (oft beobachtete Kaninchen, Füchse, Igel, diverse Vögel) vom dem Lärm halten. Da ich aus deiner Erwähnung der Winzer schließe, dass das Feuerwerk bei euch eher nicht die Ausmaße hat wie in der Berliner Innenstadt (allein wegen Dichte der Besiedelung), treffen wir uns eventuell bei der Aussage: wenn das Feuerwerk bei uns nur die Ausmaße hätte wie bei euch, wäre ich schon ganz zufrieden….

  2. Nicht meins. Hier im Tal der Wupper ist es auch schlimm, der Lärm und der Gestank. Durch die Tallage hält der sich bei Hochdruck auch noch recht lange. Eine Plage, auch für unsere beiden Kater.

    Überflüssig.

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