Kompression II

Was macht frau, wenn sie endlich, fast 1,5 Monate nach Rezeptausstellung und diverse Monate nach Beginn der ursprünglichen Arztsuche, endlich die flachgestrickte Kompression in Händen hält, bzw. an den Beinen trägt?

  • Sie freut sich über das leichte Gefühl in den Beinen.
  • Sie plant für die kommenden Wochen ein, dass sie morgens 15-20 Minuten länger zum Anziehen braucht.
  • Sie kauft einen Tag später den Vorrat der Gummihandschuhe in Größe M des nächstgelegenen Drogeriemarkts leer.

Aber der Reihe nach. Bei meiner ersten Beratung bei der Sanitätshausfachfrau maß sie ja schon mal provisorisch meine Beine aus: sogenannte „Hautmaße“, also die Oberfläche, ohne Druck und Zug, damit sie, sobald das Rezept da war, schneller den Kostenvoranschlag bei der Krankenkasse einreichen konnte. Als wir dann, als die Bewilligung von der Kasse vorlag, im Dezember meine Beine ausmaßen, diesmal „unter Zug“ für die Bestellung, maß sie zum Vergleich auch die Hautmaße und fragte nach den ersten paar Stellen: „Haben Sie abgenommen?“ Überall (Knöchel, Wade, Knie, Oberschenkel, Hüfte) waren es einige Zentimeter weniger als bei der ersten Messung… Ich bestätigte das gern und war auch ein bisschen stolz. 🙂

Dann war leider die Kompression vor Weihnachten nicht da, dann stellte sich heraus, dass die Hersteller die Bestellung irgendwie falsch eingeordnet hatten, nämlich als nochmalige Anfrage nach einem Kostenvoranschlag – jedenfalls bekam ich sie erst diesen Mittwoch, so dass ich sie leider noch nicht bei der ganzen Rumsitzerei und Steherei in der heißen Probenphase und beim Mahler-Konzert hatte:

Aber so stapfte ich am Mittwoch-Nachmittag durch den Berliner Schneesturm, um sie abzuholen. Wenn man eine neue Brille aussucht und dann abholt, ist das ja immer, als würde man sich eine neue Nase oder ein neues Kinn aussuchen, schließlich sitzt sie ja den ganzen Tag mitten im Gesicht. Die Kompression bedeutet für mich bis auf weiteres eine zweite Haut, die ich möglichst vom Aufstehen bis zum Abend tragen soll.

Mal sehen, wie ich in ein paar Monaten darüber denke, vor allem, wenn es warm wird, aber erst mal fühlt es sich sehr angenehm an: zumindest, sobald sie richtig sitzt. Die Beine fühlen sich sehr viel leichter an.

Beim ersten Anziehen im Beisein der Sanitätsfachfrau kam ich anscheinend im Vergleich zu manchen anderen Erstversuchen ganz gut zurecht – ich hatte ja schon ein paar Monate Übung mit der rundgestrickten Kompression, manche Handgriffe und Bewegungen ähneln sich. Aber es war noch mal was ganz anderes.

Ich habe die zweigeteilte Kombination aus Kniestrümpfen und Caprihose, die bis zur Taille reicht. Die Kniestrümpfe lassen sich gut anlegen – und schneiden nicht ein! Großartig, was durch neue Materialien und durch passgenaue Anfertigung da möglich ist! Die Caprihose ging einfach bis zur Mitte der Oberschenkel – ja, und ab da fängt die Millimeter-Arbeit, das Gezupfe und Gezuppel und auch ein bisschen Gehüpfe und Gezerre an, bis die ganze Chose sitzt. Ich bin mir sicher, dass ich da im Lauf der Zeit noch mehr Übung bekommen werde, aber erstmal muss ich morgens 15-20 Minuten mehr zum Anziehen einplanen, und das bestimmt nicht, weil der tiefschwarze Stoff der Kompression farblich so schwierig zu kombinieren wäre, dass ich mich nicht entscheiden könnte… 😉

Die Sanitätsfachfrau bot mir an, dass ich zum Anziehen ihre stoffgefütterten Gummihandschuhe ausprobieren könnte. Dazu muss ich sagen, dass ich Gummihandschuhe hasse! Als ich als Studentin in einer Krankenhausküche jobbte, wo man sich natürlich dauernd die Hände desinfiziert und im Spätdienst endlose Flächen Edelstahl mit Seife und Essig säubert, arbeitete ich lieber mit bloßen Händen, anstatt diese Handschuhe anzuziehen. Die stoffgefütterten Handschuhe der Fachfrau fühlten sich innen ganz ok an, aber ich hatte dadurch eine irgendwie gestörte haptische Rückmeldung von den Fingerspitzen, die gar nicht wussten, wie sie sich bewegen sollten, um irgendwas hinzukriegen. Also ließ ich die Handschuhe aus und hatte den Eindruck, ich käme ganz gut auch ohne zurecht.

Die Sanitätsfrau dachte sich wahrscheinlich innerlich ihren Teil. 😀

Allein  schon das An- und Ausziehen am Mittwoch und Donnerstag überzeugten mich, so dass ich am Donnerstag nach der Arbeit losging, um mir die oben abgebildeten Handschuhe in mehrfacher Ausfertigung (für Zuhause, für unterwegs, fürs Büro) zuzulegen. Sie sind sehr leicht, innen irgendwie beschichtet und tragen sich sehr angenehm.

Ich werde in ein paar Wochen wahnsinnige Fingermuskeln haben (und habe im Moment fast ein bisschen Muskelkater in den Fingern). Mit den Handschuhen hat man tatsächlich eine bessere Haftung und einen besseren Griff – und nach den paar Mal An- und Ausziehen von Mittwoch bis Donnerstag Nachmittag hatten sich an den oberen Fingerknöcheln, die unter den Fingernägeln liegen, schon gereizte, gerötete Stellen gebildet. Wenn ich keine Handschuhe anziehen würde, würde ich da wahrscheinlich bald Blasen haben – wirklich! – und dann im Lauf der Zeit Hornhautschwielen, aber das muss ja nicht sein ;-). Wie das kommt? Das Gewebe der Kompression ist so grobmaschig und rauh (was gut ist, weil dadurch Luft an die Haut kommt), dass die Reibung an der Haut der Finger einfach sehr groß ist, wenn man die Fingerspitzen in den Stoff einhakt, um ihn zurechtzuzupfen und zu zerren… Ich hätte das vorher auch nicht für möglich gehalten!

Ich bin nach wie vor völlig fasziniert von dem, was Haut und Venen und Lymphsystem gemeinsam leisten, wenn alles so funktioniert, wie es soll: Jedenfalls müssen wir als Ersatz eine ganze Menge Aufwand betreiben, um den Ausfall oder die Reduzierung dieser Funktionen zu kompensieren.

Legt Eure Beine öfters mal hoch oder gönnt ihnen kalte Duschen und Wasserbäder – sie haben es sich in ihrem beeindruckenden Kampf gegen die Schwerkraft echt verdient! Und solltet ihr schwere oder manchmal schmerzende Beine haben, nehmt es ernst, lasst die Ursachen abklären, seien es nun die Venen oder wie bei mir das Lipödem. In den frühen Phasen, wenn es nur ab und an unangenehm ist, kann man doch unterstützend einiges machen, anstatt es aufzuschieben, bis die Schwere der Beine oder der Schmerz alltäglich ist.

Ich rannte die letzten Tage häufig auf Toilette (wofür ich jetzt immer ein bisschen mehr Zeit zum Anziehen einplanen muss, nichts mehr mit „Schnell noch mal…“), was ein Hinweis darauf ist, dass das Lymphsystem ziemlich am Arbeiten ist. Ich wog heute morgen ein knappes Kilo weniger als Mittwoch, so dass ich denke, dass da durch die Kompression schon einiges an diversem Gewebewasser und sonstige lymphpflichtige Last abtransportiert wurde. Morgen „früh“ werde ich mal nachmessen, dazu fehlte mir die letzten Tage mit dem ganzen Gezupfe und Gezerre doch ein bisschen die Zeit… Ich bin gespannt.

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3 Gedanken zu “Kompression II

  1. annesch

    Nachtrag: Und ich merke gerade, dass ich hier im Schneidersitz rumsitze. was ich seit Monaten nicht gemacht habe, weil das Abgeknickte in den Knien für meine Beine unangenehm war – dabei war Schneidersitz sonst immer eine meiner Lieblingshaltungen…
    Und jetzt geht das, ohne unangenehm zu sein, und dass, obwohl ich die Kompression grad gar nicht anhab, weil sie nach dem Waschen zum Trocken rumliegt… aber das ist der positive Effekt, den zwei Tage tragen schon hatten…! *freu*

  2. annesch

    Danke, aber bei Lipödem muss man mit Entwässerungsmitteln vorsichtig sein, weil es ein etwas anderer Mechanismus als beim Lymphödem. Lipödem ist eben nicht nur „Wasser“, sondern auch eingelagertes Eiweiß & Diverses, wenn man durch Entwässerungsmittel nur das Wasser rausschwemmt, bleibt der Rest, der hydrophil ist und wieder Wasser anzieht, so dass man in einem Teufelskreis gerät. Man muss also eher den Körper mit mechanischer Unterstützung wie Kompression oder Lymphdrainage in seinem Tempo machen lassen… 😉

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