Prokrastination II oder: Halma

(Foto: Karin Wuelfling/Pixelio.de) Vor Jahren schrieb ich mal auf Twitter:

wp-1484687329283.jpegAls Kind hatte ich mal eine Phase, in der ich wahnsinnig gern Halma spielte: nach und nach die Spielfiguren so zu bewegen, bis man eine „Leiter“ aus eigenen Spielfiguren und leeren Feldern gebaut hatte, auf der man mühelos entlanghüpfen konnte, gefiel mir. Auch Solitaire (als Brett-, nicht als Kartenspiel), das auf ähnlichem Prinzip wie Halma basiert, spiele ich nach wie vor gern (und Solitaire bzw. Patiencen als Kartenspiel mag ich zugegebenermaßen auch).

Allerdings stelle ich gerade fest, dass der oben zitierte Tweet, der Halma mit meiner Neigung zum Prokrastinieren vergleicht, eigentlich eine unpassende Metapher ist. Denn Halma- und Solitaire-Spielen bedeutet ja gerade Planung und Aufbau, mehrere kleine Spielzüge, in denen nicht viel passiert, führen zum Ziel, sei es, dass ich alle meine Figuren auf die andere Seite gebracht habe oder sei es, dass ich zum Schluss nur noch eine Kugel möglichst in der Mitte des Spielfeldes habe. Genau das ist es eigentlich, was mir (und wahrscheinlich vielen anderen Prokrastinierer*innen) so schwer fällt: Aus den vielen kleinen Handlungen in der Gegenwart die Erreichung eines großen Ziels in der Zukunft möglich zu machen.

Beim Vergleich mit dem Prokrastinieren sah ich im einfachen Überspringen einer Spielfigur auf das nächste freie Feld eine Ähnlichkeit zu meiner Tendenz, mich nicht zu dem aufraffen zu können, was eigentlich dran ist – stattdessen sieht dann oft eine Aufgabe, die normalerweise auch schwierig anzupacken ist aber eigentlich nicht dran ist, viel verführerischer aus. Klassisches Beispiel: Ich bin unterwegs, z.B. mit dem Fahrrad, habe Feierabend, nichts weiter vor, und male mir aus, dass ich den Abend nutzen werde, um z.B. eine Bewerbung zu schreiben oder in meiner Wohnung etwas aufzuräumen. Ich fange beim Fahrradfahren an zu planen, formuliere schon mal Gedanken aus, überlege, wie ich das Anschreiben aufbaue, was mich an der ausgeschriebenen Stelle reizt – oder freue mich drauf, endlich den vielleicht im Stress vergangener Tage liegengebliebenen Kram in meiner Wohnung wieder wegzuräumen, überlege, wo ich anfange, was realistischerweise zu schaffen ist und wie schön es dann wieder ist.

Aber dieser Enthusiasmus, dieser Elan entsteht und hält an, weil ich gerade auf dem Fahrrad sitze und schlicht und ergreifend nicht schreiben und nicht aufräumen kann. In dem Moment, wenn ich zuhause bin, mich etwas ausgeruht, zu Abend gegessen habe, Zeit und Freiraum habe: in diesem Moment finde ich ganz häufig meine vorige Motivation nicht. „Man muss Dinge auch ohne Motivation tun können, wenn sie dran sind“, höre ich Nicht-Prokrastinierer sagen, und ich wünschte wirklich aus vollem Herzen, dass ich dazu in der Lage wäre. Was auf den ersten Blick und von außen vielleicht wie Unlust oder Trägheit aussieht, ist eine sich hinter der Unlust verbergende Unfähigkeit, die ich leider in ganz vielen Fällen nicht überwinden kann. Zumindest wenn es um „Eigenes“ geht. Kommt ein wie auch immer gearteter Druck von außen – Aufgaben, die ich auf der Arbeit erfülle oder Besuch, der sich ankündigt, eine wie auch immer geartete Deadline – dann funktioniert es auf einmal, dann verliere ich mich durchaus in der Tätigkeit (sei es ein Text, eine Aufgabe, das Aufräumen). Aber es ist so ein Jammer, dass ich es nicht bei den Dingen für mich selbst kann: auf der Suche nach einem neuen Job, in dem ich mich wohler fühle, der Wunsch nach einer Wohnung, die ich für mich aufräume und nicht, weil jemand zu Besuch kommt.

Es ist das, was Tim Urban in den im letzten Blogpost verlinkten Texten beschreibt: Ich funktioniere ziemlich gut (wenn auch manchmal erst unter Zeitdruck), wenn Ansprüche, welcher Art auch immer, an mich herangetragen werden, aber wenn es um Entwicklungen und Zukunft nur für mich selbst geht, dann bleibt alles liegen. In dem Moment, in dem ich Ansprüche an mich selbst habe oder in denen es in erster Linie um meine Zukunft, meine Perspektiven geht, blockiere ich.

Dieser Mechanismus zeigte sich vor allem bei Uni-Hausarbeiten und nicht zuletzt bei meiner Magisterarbeit… Uni-Hausarbeiten schrieb ich immer erst nach mehrfacher Verlängerung des Abgabetermins und dann innerhalb weniger Tage, meistens fielen sie (leider) recht gut aus, ich sage „leider“, weil es wahrscheinlich besser gewesen wäre, wenn ich damit mal gründlich auf die Schnauze geflogen wäre. Jedenfalls ärgerte ich mich regelmäßig beim Schreiben darüber, dass ich jetzt so wenig Zeit hatte, über so viele Sachen hinweghuscheln musste – gleichzeitig nahm ich mir vor, es bei der nächsten Hausarbeit besser zu planen und zog doch gleichzeitig eine bescheuerte Art der Befriedigung aus der Tatsache, dass ich es doch noch irgendwie geschafft hatte.

Bei der Magisterarbeit wurde es extrem: Ich hatte sechs Monate Zeit, wurschtelte, recherchierte, exzerpierte fünf Monate vor mich hin – und fing nicht an zu schreiben. Meine Wohnung war in dieser Zeit richtig gut aufgeräumt (soviel zum Phänomen, dass man dann Sachen anpackt, anstatt Wichtiges zu tun, die einem sonst auch schwer fallen, nur um das Wichtige nicht anzufangen). Schließlich war der Zeitdruck groß genug, dass auch ich ins Schreiben kam. Innerhalb eines Monats arbeitete ich meine Magisterarbeit aus und tippte die ca. 100 Seiten herunter – ich denke an diesen Monat mit einerseits Schaudern, aber auch mit einer Art Hochachtung zurück: dass ich dazu in der Lage war, diese Disziplin von in erster Linie nur Arbeiten und notwendigster Schlaf einen Monat lang aufrecht zu erhalten, will mir heute manchmal kaum noch in den Kopf.

Ich hatte eine wunderbare Magistrae-Arbeitsgruppe im Hintergrund, wir korrigierten uns unsere zu unterschiedlichen Zeiten abgegebenen Arbeiten gegenseitig, ohne ihre Hilfe (Lektorat, Fragen diskutieren, Hilfe beim Bibliographie in formale Form bringen oder auch mal Kaffeepausen in der Bibliothek) hätte ich das nie geschafft!

Aber was ich so schade finde, ist, dass ich nicht wenigstens einen Bruchteil der Energie, der Disziplin, die ich in diesem Monat hatte, in der Verwirklichung meiner eigenen Zukunft aufbringen kann. Ich bin mit meinem Alltag, so wie er ist, teilweise ganz zufrieden und glücklich, aber gerade beruflich gibt es (nicht zuletzt aus gähnender Langeweile und Unterforderung) viele Gründe, aktiv zu werden, um etwas anderes zu finden oder etwas eigenes aufzubauen.

Ich habe so viele Pläne und Ideen – und habe sie auch teilweise schon in handhabare kleine Teilpläne zerteilt, es liegt also nicht daran, dass sie zu unkonkret oder zu vage oder zu groß sind. Ich fange einfach nicht an. Und ich ärgere mich selbst darüber und sehe zu, wie die Zeit vergeht, zerrinnt… schon wieder ein neues Jahr.

Einerseits ist es sicher der fehlende Druck von außen, der mich blockiert: Ich könnte mir natürlich ein Scary Monster (siehe Tim Urban, Link im letzten Blogpost) erschaffen, indem ich meinen jetzigen Job kündige – aber ich fürchte, dafür bin ich (im Moment?) noch zu feige. Andererseits denke ich manchmal: Zwar kann ich ganz oft nicht ohne den Druck von außen, aber vielleicht ist manchmal in Wirklichkeit das Problem der Druck von innen. Mir wurde irgendwann klar, dass in Bezug auf meine Uni-Hausarbeiten meine innerliche Anerkennung war: „Ja, natürlich ist die jetzt nicht perfekt geworden, aber dafür, dass du sie in so kurzer Zeit runtergerissen hast, ist sie jetzt gar nicht so schlecht, wie man an der Note sieht.“ (Aside: Dass meine Magisterarbeit eine 1,0 war, scheint mir heute noch der größte Witz meines Studiums.) Also eine blöde Art von blockierendem Perfektionismus, den ich anscheinend so außer Kraft setzen musste, indem ich mir (durch die Zeitknappheit) die Möglichkeit nahm, ihn überhaupt erfüllen zu können. Kein schlechter Deal, wenn das Ergebnis dann ok ist, mag man vielleicht sagen, aber es ist so schade, denn wenn ich erst mal drin war im Schreiben, hätte ich mich so gern intensiver und ausführlicher mit den Themen beschäftigt – unnötig zu sagen, dass ich natürlich in dem Moment, wo der Druck weg war, auch nicht mehr in der Lage, in das Thema zurückzukehren und erneut einzutauchen.

Beim Abnehmen, das für mich zur Zeit total gut läuft und wo ich wirklich (nach langen Jahrzehnten des Herumschlagens mit dem Problem) optimistisch bin, ist es auch so, dass ein gewissen innerer Druck weggefallen ist. Durch die Lipödem-Diagnose, absurderweise. Einerseits spornt sie mich an, in Form eines motivierenden Scary Monsters in Sachen Gesundheit, weil ich weiß, dass weniger Gewicht besser für meine Beine ist. Aber das spielt gar nicht die Hauptrolle. Das Wissen, dass wegen des Lipödems irgendwann (wahrscheinlich) Schluss ist mit der Abnahme, entbindet mich, so erkläre ich mir meine Entspanntheit, von meinem eigenen Perfektionismus. Dabei hatte ich mich, so dachte ich, bereits vor Jahrzehnten vom Wunschtraum einer leichtfüßig durch die Gegend tänzelnden zarten Elfe verabschiedet. Aber anscheinend nahm ich mir immer noch zu viel vor – bis die Lipödem die Prioritäten irgendwie anders mischte. Und das führte dazu, dass ich zur Zeit weniger wiege als in meinem ganzen Erwachsenenleben. Und ganz entspannt weiter Gewicht verliere, mich über die kleinen Fortschritte freue und sie wertschätzen kann. Ich weiß theoretisch, dass ich diese Herangehensweise eigentlich auch auf die anderen Problemfelder meines Lebens übertragen müsste – mein zeitweises Chaos, meine berufliche Zukunft, die ganzen mega-wichtigen Sachen wie Steuer und die vielen kleinen Gebiete, in denen meine Prokrastination durchschlägt und mich nervt, weil es so frustrierend ist, Pläne zu haben, aber sie nicht umzusetzen. Es geht also darum, die kleinen Ziegelsteine, die zum Bau eines Gebäudes führen, zeitlich festzulegen und zu verbauen, wie Tim Urban es formuliert. Theoretisch weiß ich das, theoretisch habe ich auch Vorstellungen, wie, aber es hat noch nicht Klick gemacht, ich habe es noch nicht umsetzen können…

Zwar bin ich einerseits (auch der Erfolge beim Abnehmen wegens) optimistisch gestimmt, andererseits lehrt mich meine Erfahrung mit mir selbst aus der Vergangenheit… ach, es ist manchmal sehr entmutigend.

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3 Gedanken zu “Prokrastination II oder: Halma

  1. Ich musst mehrfach schmunzeln, beim lesen. Teilweise kommt mir deine Herangehensweise bekannt vor. Auch ich werde unter Druck besser … und auch ich brauch teilweise elend lange, eine Aufgabe zu beginnen. Um sie dann nicht wieder loszulassen 😉

    Das ist dann eben so.

    Mir hilft, meine Gedanken zu ende zu denken, also mir Dringlichkeiten klar zu machen, die möglichen Konsequenzen weiterer Verzögerung zu realisieren. Dann geht das besser 🙂

    Grüße & guten Morgen.

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