Prokrastination III oder: Habitica, das wundersame Reich der Gewohnheit

Gewohnheiten können mir, wie ich schon vor ein paar Monaten im Post Gewohnheiten in Bezug auf das Abnehmen schrieb, von großem Nutzen sein – oder das genaue Gegenteil. Positive Gewohnheiten helfen mir auch in meinem Kampf gegen die Prokrastination. Manchmal funktioniert das nur bei Kleinigkeiten, aber wenigstens dort. Bestes Beispiel: Als ich vor Jahren anfing, die Nutzung der Zahnseide in meine Zahnpflegeroutine einzubauen, muss ich irgendwie einen guten Tag im Mondkalender oder günstige Sterne oder besonders lernwillige Synapsen erwischt haben. Ich fing damit an und hörte nicht wieder auf. Es funktioniert sogar, wenn ich todmüde von einer Fete komme und eigentlich nur noch ins Bett will, sogar schon denke, ach, lass die Zahnseide heute sein, machste morgen gründlicher. Ne. Geht nicht. Ich greif trotzdem sofort zur Zahnseide. Ich bin davon selbst fasziniert, und wünschte, ich würde diese unumstößliche Willenskraft und Gewohnheit auch für etwas Wichtigeres (oder wenigstens Zeitintensiveres) aufbringen können: jeden Abend schnell den Abwasch machen, z.B. (klappt mal mehr, mal weniger gut). Regelmäßig staubsaugen. Wichtige Telefonate/Mails etc. in Bezug auf eigene private Sachen sofort erledigen… Die Liste ist endlos und fängt bei den Pflichten an und hört bei der Verwirklichungen von Projekten und Träumen auf.

Aber naja. Wenigstens Zahnseide.

Eine andere Gewohnheit, die ich nicht loswerde, diese aber eher unpraktisch, ist, immer etwas Süßes zu meiner genüßlich am Abend getrunkenen Tasse Milchkaffee zu wollen. Vor Jahren war es eine Zigarette, die für mich unverrückbar zum Kaffee gehörte. Das ist zum Glück seit über zehn Jahren vorbei. Aber dafür hat sich die Schokolade an diesen Ort geschlichen. Immerhin, es war schon schlimmer. Statt drei Butterkekse mit Schoko (150 kcal) oder ein Riegel Kinder-Bueno (123 kcal), beschränkt sich meine Gewohnheit seit mehreren Jahren auf ein Stück (10 g) ultradunkle Schokolade (> 80 % Kakao, ca. 60 kcal). Und ein paar schlechte Gewohnheiten muss man vielleicht… ok, das ist eine Ausrede… 😉

Jedenfalls, die Macht der Gewohnheiten ist, das weiß ich aus eigener Erfahrung, megastark. Wenn etwas eine Gewohnheit ist, immer zur selben Zeit oder in derselben Situation stattfindet, muss man in dem Moment keine Entscheidungskraft dafür aufbringen (allenfalls dagegen, wie bei der Schokolade), es wird einfach gemacht. Ich bin seit langem auf der Suche nach Hilfsmitteln, die mich dabei unterstützen, Sachen anzupacken, die sonst liegen bleiben, oder Gewohnheiten zu entwickeln.

Da gibt es natürlich die klassische To-Do-Liste, auf Papier oder als App. Bewährt sich bei mir auf Papier, wenn etwas bestimmtes unter Zeitdruck ansteht (Wohnung aufräumen, weil Besuch kommt, Zeitplan an hektischen Tagen, an denen ich zu einem bestimmten Zeitpunkt unbedingt los muss), weil ich dann das große Ganze in kleine Abschnitte einteilen kann und anhand des Wegstreichens sehe, was ich schon erledigt habe.Das klappt aber nur, wenn es den äußeren zeitlichen Druck gibt, nicht aus sich selbst heraus. Es ist also ein Element der Organisation, nicht der Motivation.

Die To-Do-Listen-Apps haben sich bei mir nicht bewehrt. Ich weiß auch nicht warum. Weil ich doch mir gerne schnell eine Notiz auf Papier mache? Weil ich dann überall mein Internetgerät parat haben müsste, was ich trotz langjähriger Smartphonerei (seit 2009, Preisausschreibengewinn) und Phableterei doch nicht immer habe? Ich habe unterschiedliche ausprobiert, die ich vom Prinzip und vom Optischen ganz schön finde und gelegentlich, aber nicht durchgängig nutze.

Ich mag Color Note (klick), in der man zwischen Kalender und auf dem jeweiligen Tag angebrachten „Notizzetteln“ in Post-It-Optik hin- und herspringen kann.

Auch den Offline-Kalender (klick), den man, wie der Name sagt, auch offline und ohne Anmeldung nutzen kann, habe ich eine Zeitlang genutzt.

Sehr schön und schlicht und funktionell finde ich Workflowy (klick), das ich erst vor kurzem entdeckt habe und das sowohl auf dem Desktop wie auf dem Tablet funktioniert. Man kann dort verhashtaggen und unterschiedliche Ebenen einfügen oder einklappen etc.

Aber letzten Endes sind das alles nur To-Do-Listen, ja klar, einige auch mit Erinnerungsfunktion, aber wenn ich Probleme mit dem Anfangen habe, macht es mir leider gar keine Probleme, die total zu ignorieren. Klar, kann man sich da auch Gewohnheiten draufschreiben, die man dann täglich abhakt. Da gibt es bei den App-Anbietern auch sogenannte Habit-Tracker, die einen damit locken und motivieren, dass man dann möglichst einen ununterbrochenen „Streak“ einstellt. Ich hatte auch schon Tabellen am Kühlschrank oder an einer Tür, an denen ich Sachen täglich abhakte oder mir dafür Punkte erteilte, mit dem Ziel, immer eine bestimmte Anzahl von Punkten pro Woche zu erreichen (womit ich nur noch ein Schrittchen von Habitica entfernt bin, siehe unten.)

Was meine Listen, Planungen, Kalendereinträge angeht, so hat sich digital einfach für mich nicht bewährt. Es entstehen bei mir zu viele Notizen auf Papier. In einem einfachen Papierkalender finden die aber auch nicht ihren Platz. Ich probiere zur Zeit das Prinzip des „Bullet Journals“ aus. Manche machen daraus eine furchtbar elaborierte Sache mit Bildchen und Zeichnungen und Schmucktape und ich weiß nicht was alles, aber im Grunde genommen ist das ein sehr einfaches, schlichtes Prinzip, bei dem alles, Termine, Aufgaben, Gewohnheiten, Bücherlisten, Pläne, Projekte, Kinofilme, die man nicht verpassen will, in ein und demselben Notizbuch landen – und es trotzdem übersichtlich bleibt. Eine kurze Einführung gibt es hier. Ich mache das erst seit ein paar Tagen und werde bei Gelegenheit berichten, wie es sich bewährt.

Aber eigentlich wollte ich ja noch von Habitica erzählen. Auch eine Online-Sache, zugänglich auf dem Desktop oder Laptop oder auch über App. Habitica ist die To-Do-Liste als Gamification, und sie hat bei mir vor etwas über einem Jahr einige Wochen an unbeschreiblicher Produktivität und Angelegenheiten-Anpacken ausgelöst. (Mme Graphisme beobachtet etwas Ähnliches bei sich.) Gamification heißt der Trend, wichtige Sachen wie Lernen oder Arbeiten in ein Spielsystem zu übertragen. Es wird beispielsweise von Lehrkräften angewandt. Es gibt viele Berichte von Lehrkräften, die berichten, wie sie mit Spielen ihre Schüler*innen zum Lernen animierten, indem sie durch Lernfortschritte mehr Punkte und neue Levels erreichen konnten – verknüpft mit Möglichkeiten, wie die Schüler*innen durch Kooperation zusätzliche Punkte oder Werkzeuge erschließen konnten. Einer hat inzwischen daraus eine Geschäftsidee gemacht: Classcrafts. Und wenn man an den Pokémon-Go-Hype vor ein paar Monaten denkt, merkt man, wie wirksam Gamification sein kann, selbst wenn keinerlei „reale“ Bedeutung hinter den Punkten und Levels steht.

Habitica bietet eine einfach, aber auf wirksame Weise dreigeteilte To-Do-List, unterteilt nach Habits (Gewohnheiten), Dailies (Tägliches) und To-dos (einmalige Aufgaben). Habits sind Sachen, die man sich an- oder abgewöhnen will, erledigt man sie so, wie man sie eingetragen hat, gibt es Pluspunkte (oder Minuspunkte, falls man z.B. sich eingetragen, nicht zu rauchen, aber dann doch raucht), aber wenn man sie nicht erledigt, hat es keine Konsequenzen. Daillies dagegen müssen erledigt (und abgehakt) werden, wenn sie keine negativen Auswirkungen auf den Punktestand haben sollen. Dailies sind sozusagen Habits, die man schon ziemlich gut etabliert hat und beibehalten will, Habits sind die, die man noch übt. Bei den To-Dos trägt man die einzelnen anstehenden, immer wechselnden Aufgaben ein – und kann sie mit einem Enddatum versehen. Für die Erledigung gibt es Punkte. Die Dailies kann man auch für bestimmte Tage eintragen, z.B. immer nur für Donnerstage oder alle drei Tage o.ä., eine Funktion, die ich bei vielen Habit-Trackern sehr vermisst habe, schließlich kann ich beim besten Bemühen nicht jeden Tag den Müll runterbringen. Lohnt sich einfach nicht.

So weit, so gut. Man kann Punkte erhalten, um das nächste Level zu erreichen. Man erhält Gold und Silber. Und: zufällige Belohnungen nach einem „Droping system“: Eier, aus denen mithilfe passender Zaubertränke diverse Fabeltiere ausgebrütet werden können, und Nahrungsmittel, mit denen die Tiere von reinen Haustieren zu Reittieren werden können… Wenn man weiß, dass in Tierversuchen festgestellt wurde, dass Tiere auf ein inkonsistentes Belohnungsverhalten (mal gibt es was, mal nicht, undurchschaubar) mit frenetischer Aktivität reagieren, ahnt man, warum dieses Zufallssystem so gut funktioniert… 😉

Es gibt noch zahlreiche weitere Details, zusätzliche Quests, unterschiedliche Ausdifferenzierungen und Gilden und Gruppen. Mein Habitica ist im Moment eher in einer Winterschlafhaltung… Die Wirkung auf meine Prokrastination ließ irgendwann nach, was auch daran liegen kann, dass ich mich nicht aufraffte, mich einer Gruppe anzuschließen, sondern quasi als multiple Persönlichkeit z.B. einen Account für meine Wohnung und einen fürs Büro einrichtete… Wenn man Teil einer Gruppe ist, hat man noch die zusätzliche Motivation, den anderen Mitgliedern nicht durch unerledigte Aufgaben zu schaden.

Ich will mich demnächst wieder aufraffen und entweder wieder einen meiner alten Accounts reaktivieren, oder noch mal von vorne starten, mal sehen. Im Moment konzentriere ich mich eher auf das Bullet Journal, weil mich der Gedanke reizt, alles in einem Notizbuch immer zur Hand zu haben.

Wer jetzt übrigens glaubt, man würde auf Habitica seine Zeit verdaddeln, anstatt Sachen anzupacken, irrt sich. Es macht keinen großen zeitlichen Unterschied, ob man Sachen nun hier oder woanders einträgt. Die Fabeltier-Eier und Tränke und Fütterung zu checken kostet wirklich wenig Zeit. Ein Tipp für Nachteulen: Unbedingt einstellen, dass der Wechsel von einem Tag zum nächsten erst später als Mitternacht eintritt, sonst will man nachts noch schnell die erledigten Sachen des Tages eintragen – und kann es nicht mehr, zumindest nicht für den vergangenen Tag! habitica_screenshot-2

Jedenfalls ist die kombinierte Wirkung aus Gamification, virtueller Belohnung durch Fabeltiere (und Gold! Und Silber! Und Waffen und Ausrüstung!) und ganz realer Belohnung aus erledigten Aufgaben eine sehr potente Mischung – ich rate jedem, der mit Aufschieberitis kämpft, es zumindest mal auszuprobieren. Selbst wenn der Effekt nur einige Wochen anhält – man packt Sachen an, die man schon lange erledigen wollte, und es macht einen irren Spaß.

Wann erlebt man es schon mal, dass man, wenn man Zeit hat, freiwillig und voller Motivation seine To-Do-Liste scannt, um zu schauen, ob man noch etwas erledigen kann? Nur um die Chance zu erhöhen, vielleicht zufällig als Belohnung noch die letzte Honigwabe (statt einer Flasche Milch oder einem Stück Fleisch) zu erhalten, die man benötigt, damit der eigene kleine goldene Wolf zu einem großen goldenen Wolf wird, auf dem man reiten kann!

Hier also der Link zu Habitica. Ach so, eine Information vielleicht noch: Es gibt auch Funktionen bei Habitica, für die man zahlen könnte – aber man das Programm wunderbar ohne die Sachen, für die man zahlen müsste, nutzen.

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