Kompressionsblues oder: Morgen ist Montag Morgen

Ich bin Nachteule. Abends bin ich munter und konzentriert, finde nicht ins Bett. Morgens ist nicht meine beste Zeit. Selbst wenn ich genug Schlaf bekommen habe, dauert es eine Zeit, bis ich nach dem Aufstehen von „slow snail“ wenigstens auf das Tempo „snail“ umschalte.

In meine Morgenroutine das Anlegen der Kompression einplanen zu müssen, macht mich morgens nicht eben glücklich.

Wenigstens klappt das Anziehen inzwischen etwas schneller als zu Anfang, die Handgriffe sitzen, ich weiß, an welchen Stellen ich zum Zuppeln und Zerren anpacken muss, in welchem Moment es einen kleinen Hüpfer oder einen energischen Hüftschwung braucht.

Und mir zu sagen: „Ach, heute lass ich das Zeug einfach aus!“ ist keine Alternative. Dazu merke ich viel zu stark, was es für einen Unterschied es abends macht, ob ich die Kompression bis kurz vor Bett (so um Mitternacht) trage, oder ob ich sie alle zwei Tage noch vor 22:00 h durch die Schnellwäsche jage, wegen der Nachbarn und damit sie am nächsten Morgen trocken und nicht klamm ist. Denn auf die Heizung dürfen die Teile nicht.  Das Rezept für die Wechselversorgung ist eingereicht, aber die Krankenkasse hat sich noch nicht mit der Bewilligung gemeldet, auch dann sind es mit Termin zum Ausmessen und Bestellen etc. sicherlich noch mal 7-10 Tage…

Wie dem auch sei, da ich abends merke, wie es mir mit und wie es mir ohne Kompression an den Beinen geht, ist mir klar, dass es keine Alternative ist, einen ganzen Tag mal auf die Kompression zu verzichten, nur weil mich das Anziehen so nervt. Die Beine würden schwer und innerhalb weniger Stunden schmerzen. Also wird die Kompression angezogen.

Und ich kann ja froh sein. Dank moderner Stoffe und Fertigungsmethoden sind die Sachen mit Sicherheit bequemer und leichter anzulegen als alles, was es in vorigen Jahrzehnten gab. Ich entsinne mich noch, wie ich als Kind zusah, wie meine Mutter nach einer Venen-OP zuhause ihre Beine wickelte, mit Binden in einem Ährenmuster von den Knöcheln bis über die Knie, und das dann oben mit einer Verbandklammer befestigte.  Das dauerte bestimmt länger und musste wahrscheinlich mehrfach am Tag erneuert werden.

Und ich kann dankbar sein, dass mir diese medizinischen Hilfsmittel hierzulande von der Krankenkasse bezahlt werden – wenn ich mir vorstelle, ich müsste die sehr teuren vier Versorgungen im Jahr selbst zahlen, wird mir ganz anders. Die Vorstellung, in einem Land zu wohnen, in der Krankenversicherung keine Selbstverständlichkeit ist (wie z.B. in den USA), ist nicht schön. Und hierzulande hat man alle halbe Jahre das Recht auf zwei Versorgungen, so dass man sie wechseln kann. Man trägt das Zeug ja täglich und soll sie auch täglich oder mindestens alle zwei Tage waschen, nicht nur aus hygienischen Gründen, sondern um die Kompressionswirkung (der Stoff zieht sich wieder zusammen beim Waschen) zu erhalten. Trotzdem lässt die Wirkung mit der Zeit nach, daher halbjährlich neue Verordnung. Ich bin schon gespannt auf meine nächste Stromrechnung und die nächste Wasserabrechnung, die bestimmt höher ausfallen werden als bisher, denn meistens hatte ich sonst einmal in der Woche eine große Buntwäsche – jetzt alle zwei Tage, auch wenn’s nur ’ne Kurzwäsche ist, soviel sparsamer ist das leider nicht.

Jetzt nach einem Monat sickert vielleicht auch gerade gefühlsmäßig durch, was ich mit dem Verstand bereits wusste: dass das jetzt auf Dauer so ist, diese Kompressionsgeschichte. Irgendwie hatte ich im Stillen wohl doch gehofft, dass die Wirkung der Kompression so toll ist, dass ich sie irgendwann nach einer Weile (nach Monaten) nicht mehr (dauernd) brauchen werde. Aber so ist es nicht, und so wird es wahrscheinlich nicht sein. So lange ich sie anhabe: Wirkung deutlich und gut. Sobald nicht: macht sich bemerkbar. Und wie das erst im Sommer sein wird, wo sie einerseits nerviger aber andererseits wegen der Wärme um so notwendiger sein wird… na, mal sehen.

Tja, wie ihr merkt, habe ich gerade einen kleinen Kompressionsblues. Wenn ich morgens die Kompressions-Kniestrümpfe und die Kompressions-Caprihose da liegen sehe und mit einem Seufzen nach den Gummihandschuhen greife – da habe ich oft genug der Kompression und den Handschuhen gegenüber genau das Gefühl, was sich in der abgebildeten Handschuhgeste ausdrückt…

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8 Gedanken zu “Kompressionsblues oder: Morgen ist Montag Morgen

  1. Hehe, ich kann dich verstehen. Aber im Vergleich zu den Bandagen ist die Bestrumpfung super. Ich hab ne Patientin, die ich nach der Lymphdrainage wickeln darf. Gut bewegen kann sie sich danach nicht mehr….

  2. Ach herrje, ich erinnere mich mit Schauden an die Tage nach Operationen zurück, wo sie mir die Dinger im Krankenhaus angezwungen haben. Ätzend. Und erst die Heparinspritzen….kannst Du denn gar nichts machen, damit es besser wird?

    1. annesch

      Viel trinken. Viel bewegen. Abnehmen. Aber letzten Endes ist es eine Veranlagungssache. Und ich habe noch „Glück“ gehabt, dass es bei mir erst mit 39 so unangenehm wurde, dass ich mich auf Ursachensuche machte – andere laufen seit ihren späten Teenagerjahren mit Kompression herum… Was das etwas dagegen machen angeht, streiten sich die Gelehrten. Einige sagen: Abnehmen geht gar nicht – das stimmt schon mal nicht. Ich verliere Gewicht, auch vom Umfang her an den Beinen, wobei hauptsächlich an Bauch und Taille, die nicht meine Problemzonen sind. Andere sagen: man kann am „normalen“ Fettgewebe abnehmen, aber an das Lipödem kommt man nicht dran (eine Mischung aus Eiweiß und Lipiden, die nicht in üblichen Fettzellen lagern, sondern aufgrund der Veranlagung im Zwischengewebe rumliegen und das Lymphsystem mit dem Abtransport überfordern – daher die Schwere und die Schmerzen in den Beinen.) Eine Lehrmeinung ist auch, dass man das Lipödemgewebe nur mit Liposuktion wegoperieren kann. Die Erfahrungen danach sind auch geteilt, manche brauchen danach immer noch Kompression, aber zumindest sind teilweise die Beschwerden geringer. OP sehe ich für mich noch nicht als Option, aber wer weiß, in ein paar Jahren… Problem ist dabei auch, dass die Kosten nicht von den Kassen übernommen werden (dabei summieren sich die Kosten für Kompression und ggfs Lymphdrainagen im Lauf der Jahre locker auf die Kosten einer OP.).
      Ich habe natürlich die Hoffnung, dass es besser wird, je mehr ich abnehme. Weiß aber auch, dass die Beschwerden nicht unbedingt mit dem Gewicht verknüpft sind. Ich wog vor einigen Jahren 20 Kilo mehr als heute und hatte weniger Probleme, weil das Lipödem eine mit dem Lebensalter fortschreitende Sache ist, wenn man nicht mit Kompression etc. dagegenhält. Ob man mit Abnehmen, Kompression und physikalischer Entstauung an das eigentliche Lipödem rankommt und das Lymphsystem wieder eigenständig(er) mit der ganzen Sache fertig wird – ich werde es merken… Ganz kann ich meine Hoffnung noch nicht aufgeben, aber ich muss mich realistisch damit auseinandersetzen, dass die Kompression dauerhafter Bestandteil meines Alltags ist.

      1. Ups, okay, Lipödem. Hatte ich jetzt nicht so auf dem Schirm, dachte erst mal „nur“ an schwache Venen. Ja, das wird mit zunehmenden Alter schlimmer. Aber ich finde es positiv, dass Du den MitStrümpfe-ohneStrümpfe-Unterschied so stark merkst. Das wird Dir vermutlich dauerhaft Motivation geben, nicht darauf zu verzichten. Naja, denk mal an die Diabetiker, die ständig Blutzucker messen und Insulin spritzen müssen, die überschlagen sich vermutlich auch nicht vor lauter Begeisterung. Es gibt auch Tage, da könnte ich meine Brille hassen. Hilft nur nix – ohne bin ich blind wie ein Maulwurf. Andere Leute müssen Medis nehmen, von denen sie aufgehen wie Hefeteig oder von denen ihnen übel wird. Hat sich keiner ausgesucht…das soll Dein Leid nicht kleinreden, nur daran erinnern, dass jede(r) sein Päckchen kriegt, der eine früher, der andere später…

        1. annesch

          Ja, es ist nur ätzend, sowohl auf Kompression als auch auf eine -10-Dioptrien-Brille angewiesen zu sein, wenn man eigentlich Wunsch und Vorstellung hat, möglichst autark zu sein… Aber ich bin ja froh, in einer Zeit zu leben, in der es erschwingliche Sehhilfen gibt und moderne Kompressionsmöglichkeiten.

  3. Hallo,
    das Bild finde ich recht passend und ich kann das Gefühl sehr gut nachvollziehen! Aber die Dinger helfen und daher zieht man sie trotzdem weiter an.

    Lieben Gruß
    Sylvia

  4. Pingback: Kompression IV oder: Außenperspektive – Berg- & Talträume

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