Kompression IV oder: Außenperspektive

Nachdem ich am Anfang der Woche meinen Kompressionsblues formuliert hatte, endet die Woche auf einer schöneren Note, was die Kompression angeht.

Ich war gestern zum Ausmessen bei der Sanitätsfachfrau für meine Wechselversorgung. Eigentlich hatte sie nur über das Telefon gefragt, ob ich mich für eine Farbe entschieden hätte, als die Bewilligung von der Krankenkasse durch war. Ich meinte dann aber, dass sich, zumindest nach meinen Messungen, seit der Ausmessung für die erste Versorgung Mitte Dezember einiges verändert hätte. Außerdem hatte ich eine Frage zum Druck direkt über den Knöcheln. Da die medizinische Kompression so verläuft, dass unten der stärkste Druck ist, der nach oben etwas abnimmt, kam es mir komisch vor, dass die Kompression vor allem direkt über den Knöcheln etwas zu locker, zu „bequem“ zu sitzen schien, obwohl ich das Gefühl hatte, dass sich da ein wenig mehr Druck nicht unbedingt unangenehmer anfühlen würde.

Als ich ihr das zu Beginn des Termins schilderte, meinte sie: „Naja, schauen wir uns mal Ihre Maße an.“ Und teilte mir dann sehr erfreut mit, dass die Strümpfe über den Knöcheln deshalb so verhältnismäßig locker sitzen würden, weil die Beine dort seit der letzten Messung deutlich schmaler geworden seien. Ebenso an allen weiteren Messstellen das Bein hinauf.

Damit ordentlich Kompression aufgebaut wird, werden ja zur Herstellung der Klamotten nicht die direkten Umfangmaße gemessen, sondern es wird ein bestimmter Zug beim Messen aufgewendet und dann noch, je nach Stelle, eine bestimmte Zentimeterzahl abgezogen. An der stärksten Stelle der Hüfte konnte sie jetzt für die Zuschnittmaße 10 cm weniger angeben als bei der ersten Anfertigung!! Als sie mir das mitteilte, konnte ich ihr anhören, dass sie das nicht sonderlich häufig erlebt.

Jedenfalls ist es schön, neben meinen eigenen Messungen, bei denen ich eine Verringerung ja auch schon feststellte (Kompression III oder: Wow), das auch noch mal von jemand anders bestätigt zu bekommen – und zu merken, dass die Person von dem Effekt durchaus beeindruckt ist. Und ich merke auch, wie wichtig das für mich ist, bzw. wie wichtig es ist, dass ich auch selbst immer messe. Denn wenn ich meine Beine einfach nur anschaue, nehme ich keine Veränderung wahr – es geht so allmählich und graduell, dass ich behaupten würde, dass sich seit Oktober an ihnen nicht groß was geändert hätte, wenn ich nicht die Maße hätte, die mir zeigen, dass das Gegenteil der Fall ist.

Und wahrscheinlich habe ich auch einen auf die Problemstellen konzentrierten Blick auf die Beine. Meine Augen zoomen im Spiegel immer an die Stelle direkt an den Knie-Innenseiten, wo das Lipödem droht, sich von den Oberschenkeln Richtung Waden und Knöcheln auszubreiten. Dass der ganze Waden- und Knöchelbereich selbst schon schmaler geworden ist, und auch die Stelle am Knie, nehme ich optisch da nicht wirklich wahr. Wahrscheinlich, weil zwar alles schmaler geworden ist, aber die Proportionen gleich bleiben…?

Einen Wehrmutstropfen gibt es doch: Wenn die neue Kompression fertig ist, ist es nicht sonderlich sinnvoll, die alte regelmäßig zu tragen, weil sie so verschieden sind. Ich würde mir die Wirkung der neuen, engeren Kompression damit kaputtmachen. D.h., dann habe ich weiterhin keine Wechselversorgung, sondern muss dauernd waschen. Ich wasche sie zur Zeit alle zwei Tage, wobei ich am 2. Tag immer schon merke, dass das Kompressionsgefühl nicht so optimal ist wie am 1. Tag.

Ich muss also zusehen, dass ich noch weiter abnehme und durch Bewegung, viel Trinken, Bürsten etc. meine Beine hoffentlich noch weiter an Umfang verlieren. Denn wenn sich die Gewichtswerte oder die Umfangwerte in einem gewissen Maß ändern, dann hat man auch vor Ablauf der üblichen sechs Monate das Recht auf eine neue Ausstattung. Vielleicht im April oder Mai? Ansonsten bekomme ich erst wieder ab Juli ein Rezept. Dass es nicht sinnvoll ist, eine zu locker sitzende Kompression zu tragen, weiß auch die Krankenkasse. Also: Motivation für absolute Compliance und sämtliche unterstützende Maßnahmen, die ich mir vorstellen kann!

 

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8 Gedanken zu “Kompression IV oder: Außenperspektive

  1. „Wenn die neue Kompression fertig ist, ist es nicht sonderlich sinnvoll, die alte regelmäßig zu tragen, weil sie so verschieden sind“
    Genau deswegen sollte in der ersten Zeit der Behandlung gar keine Bestrumpfung angepasst werden, sondern mit Bandagen gearbeitet werden… Blöderweise wollen die Ärzte davon nichts wissen.

    1. annesch

      Ja, ich hatte die Ärztin auch gefragt, weil ich davon gelesen habe, dass man auch erst Manuelle Lymphdrainage und Bandagen nutzen kann – aber sie meinte, sie würde immer erst nur Kompression verschreiben, weil bei Lipödem im Vergleich zu Lymphödem mit MDL nicht so viel zu machen sei… Naja, und dann nimmt man das als Patientin so hin. Auf die Idee „nur Bandagen“ bin ich gar nicht gekommen, weil ich das immer nur im Kontext MDL gelesen habe. Aber, um ehrlich zu sein: meine Compliance mit der Bestrumpfung ist 100 % und ich habe vor allem direkt Linderung der Schmerzen und Schweregefühle gehabt. Ich weiß nicht, wie gut man Bandagen in der Physiopraxis in seinen Tagesablauf integriert bekommt, bzw. ob die im Lauf des Tages verrutschen (?) bzw. wie schnell man als Patientin selbst in der Lage ist, die gut und wirksam anzulegen. Unter diesen praktischen Aspekten bin ich sehr froh über die Bestrumpfung…

      1. In meiner Ausbildung habe ich gelernt, dass zuerst MLD verordnet werden soll (wenn möglich täglich), zusätzlich die Bandagen und wenn die Behandlung eine Weile läuft, ohne dass noch große Veränderungen messbar sind, dann erst kommt die Bestrumpfung. Naja, das ist die Theorie. Tatsächlich habe ich nur eine Patientin, die gewickelt wird. Ja, die Bandagen rutschen im Tagesverlauf, und ja, sie sind unpraktisch. Aber: Am Tag danach passt die Patientin wieder in ihre Kompressionsstrümpfe, zwei Tage später sieht das schon wieder anders aus, so schnell schwellen die Beine an. Sie hat allerdings kein Lipödem…

    1. annesch

      Danke! Allerdings sind die zehn Zentimeter der Wert, der bei den Maßen für die Kompression runter ist, das ist, da man ja starken Druck anlegen will, nicht ganz mit dem normalen Umfang vergleichbar – aber trotzdem! 😀 Ich kann jetzt ein Paar wadenhohe Stiefel tragen, die ich mir vor Jahren überoptimistisch online gekauft hatte…!

  2. Hi! Kennst du fettlogik.wordpress.com?
    Super Blog zum Thema Übergewicht. Quasi der Blog zum internationalen Bestseller mit gleichem Namen. Da muss ich immer dran denken, wenn ich „lipödem“ lese.

    1. annesch

      Hi, kenne ich in der Tat, vgl. den Gastbeitrag von mir dort zum Thema: https://fettlogik.wordpress.com/2016/10/14/gastbeitrag-aufruf-lipoedem/
      Ich kann nicht einschätzen, ob Du mir den Blog empfiehlst, weil dort auch einige Beiträge zum Thema Lipödem auftauchen, neben meinem auch der von Claudi, die allerdings selbst am Ende des Beitrages sagt, dass sie ihre Figur aus Eigendiagnose für Lipödem hielt, ohne ärztliche Diagnose https://fettlogik.wordpress.com/2017/01/09/gastbeitrag-lipoedemreiterhosen/
      Oder ob Du glaubst, mir den Blog empfehlen zu müssen, um mich von meiner Fettlogik „Lipödem“ zu „heilen“. Falls das der Fall ist, wäre das ziemlich unverschämt, ohne ein paar weitere Beiträge meines Blogs gelesen zu haben, in dem ich a) oft genug auf FLÜ und Nadjas Blog Bezug nehme und b) darüber schreibe, dass Lipödem, wie in meinem Fall ärztlich mit Ultraschall und aufgrund von Schmerzen diagnostiziert, eben nicht nur eine reine Fettlogik ist – dass trotz der Abnahme, die ich seit Herbst verzeichne, der Lipödembereich sich über den Kniebereich hinaus im typischen Verlauf weiter ausdehnt, ist leider eine Tatsache. Und ganz sicher würden ich und andere vom Lipödem betroffene Frauen (unter denen auch Schlanke sind) nicht ohne Grund täglich (!) medizinische Kompression tragen (kannste Dir wie einen rauhen Neoprenanzug vorstellen), wenn wir aufgrund der Schmerzen nicht drauf angewiesen wären. Egal, ob Du nur auf den Blog verweisen wolltest oder meine Fettlogik „heilen“ wolltest: wenn Du das nächste Mal auf einem Blog kommentierst, auf dem jemand über eine chronische Krankheit schreibt: informier dich vorher und lies ein paar Blogeinträge mehr…

      1. Das tut mir Leid.

        3 Dinge:

        1) Ich wollte nur einen lesenswerten Blog teilen (weil ich „Lipödem“ vom Wort her damit assoziiere (wie ich auch schrieb))
        2) Nur um einen lesenswerten Blog zu teilen (und damit jemandem evtl zu helfen, denn *jeder* kann von Nadja etwas lernen!), lese ich nicht erst einmal zig Posts, sorry
        3) Wieso unterstellst Du mir direkt, Dich „heilen“ zu wollen und gibst mir Verhaltensratschläge?
        Und jetzt mache ich das auch und gebe schlaue Ratschläge: Geh doch erst einmal davon aus, dass ich Dir nichts böses will!

        Will ich nämlich gar nicht. Viele Grüße und alles Gute!
        Felix

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