Kompression V oder: Drei Sanitätsfachleute, drei Meinungen

Bisher fühlte ich mich eigentlich recht gut aufgehoben bei meiner Sanitätsfachfrau, die mir die Kompression angemessen hat. Ich war durch die Empfehlung einer Arztpraxis zu ihr gekommen – und wenn man ganz am Anfang der Behandlung einer chronischen Erkrankung steht, orientiert man sich an Empfehlungen, man muss ja selbst erst mal Erfahrungen sammeln. Die Sanitätsfachfrau war nett und kam kompetent rüber und war sehr angetan von der Umfangverringerung nach meiner Abnahme seit Herbst und seit dem Tragen der 1. Kompressionsversorgung seit Januar (wer ist immun gegen ein bisschen Lob und Anerkennung…?).

Da sah ich ich auch mal drüber hinweg, dass manches im Ablauf etwas holperig war – sie ist als Außendienstmitarbeiterin tätig, dass heißt, zum Messen kam meist nur ein Wochentag in Frage, auch wenn ich das Rezept schon Tage vorher hatte, der Ablauf der Bestellung vor Weihnachten, die dann erst Mitte Januar da war, lief irgendwie seltsam, die Messung und Bestellung für die Wechselversorgung verzögerte sich um zehn Tage, weil sie grippekrank war – das ist ja an und für sich ihr gutes Recht und ihr hat es sicher keinen Spaß gemacht, Grippe zu haben, aber in einem Sanitätshaus hätte es dann eben eine Kollegin gegeben, zu der ich hätte gehen können.

Daher fing ich an, darüber nachzudenken, für die nächste Versorgung (ist ja noch Monate hin) woanders hin zu gehen, hatte aber eigentlich ein etwas schlechtes Gewissen.

Bei meiner ersten Versorgung hatte ich Silikonpads auf Hüfthöhe in meiner Capri-Hose eingearbeitet bekommen, was ein Rutschen verhindern sollte. Ich nahm sie weder als rutschhindernd, aber auch nicht als unbequem wahr. Die Sanitätsfachfrau schlug mir dann aber für die Wechselversorgung vor, die Silikonpads wegzulassen – „Ist angenehmer im Sommer!“, außerdem könne man, wenn ich merken würde, dass es rutsche, die Silikonpads im Nachhinein noch einnähen lassen. Na gut, dachte ich, lasse ich sie weg. Ich merkte dann aber den Unterschied doch etwas. Auf meine Nachfrage, wie das mit dem Einnähen nun sei, kamen dann zwei Informationen, die ich einfach gerne vorher gehabt hätte: Nämlich, dass es mit Kompression zur Fabrik hinschicken, einnähen lassen, zurückschicken gut und gern zwei Wochen dauern könnte, bis ich meine neue (engere = effektivere) Kompression wieder in Händen halten würde… Und dass das sowieso nur in den zwei Wochen nach Entgegennahme der Kompression ginge. Beide Informationen hätte sie mir besser sagen sollen, als sie mir riet, keine Silikonpads einnähen zu lassen. Naja, die Entscheidung lag bei mir, ich habe sie getroffen, aber über eine vollständigere Beratung hätte ich mich im Nachhinein doch gefreut…

Das schlechte Gewissen in Bezug auf Wechselgedanken nahm ab.

Neulich hat Silvi auf dem Blog „Cheer up, Lion!“ eine „Erste-Schritte“-Liste für Lipödem-Patientinnen zusammengestellt – eine sehr gute Idee! Als ich in den Kommentaren fragte, ob andere auch das Problem haben würden, dass die Kniestrümpfe an der oberen Kante einschnitten und sich dort im Lauf des Tages eine Schwellung bilde, kam die Information, dass das nicht so sein solle/dürfe, eventuell die Strümpfe zu eng seien oder an der falschen Stelle säßen, eventuell Kürzen/Weiten etwas helfen könnte. Daraufhin kam ich heute auf die Idee, heute mal bei einem anderen Sanitätshaus einen zweiten Blick auf die Passung meiner Strümpfe werfen zu lassen. Das Resultat war so seltsam, dass ich gleich noch bei einem weiteren vorbeiging und das Spielchen wiederholte.

Aber der Reihe nach. Der Sanitätsfachmann im ersten Haus fragte mich erst mal, was denn das für eine seltsame Verordnung sei, Kompressions-Kniestrümpfe mit einer Kompressions-Caprihose zu kombinieren. Hätte er ja noch nie gesehen.

Äh. Ich konnte erst mal nur sagen, dass das so auf meinem Rezept gestanden habe. Da ich in entsprechenden Foren und Blogs von Lipödem-Betroffenen mitbekommen habe, dass einige diese Versorgung tragen, keimte in mir der Verdacht auf, dass dieser Fachmann bisher eventuell nicht so viel mit Lipödem-Patientinnen zu tun gehabt hat… Was er dann sagte, klang relativ logisch, nämlich, dass sich die Kompression addiert (das habe ich auch schon gelesen), so dass an der Stelle, an der sich Kniestrümpfe und Capri überlappen (jeweils Kompressionsklasse 2) mindestens ein Druck von Kompressionsklasse 4 herrsche, also in dem Bereich vom unterm Knie bis etwa eine Handbreit über den Knöchel. Erst mal nicht schlecht, der hohe Druck in diesem Bereich, er fühlt sich zumindest angenehm an, das Problem ist ja der Bereich, wo die Kniestrümpfe enden. Dass sich dort eine Schwellung bildet, weil zum einen der Rand der Kniestrümpfe einschneidet und zum anderen ein plötzlicher Übergang von quasi Kompressionsklasse 4 auf 2 herrscht, klingt nachvollziehbar, andererseits wird die Kombi ja häufig verschrieben, eigentlich kann also die Schwellung kein grundsätzliches Problem sein…? Ich fragte noch, ob man denn eventuell mit irgend einem Material, dass ich dann auch bei ihm gekauft hätte, unter dem Rand der Kniestrümpfe abpolstern könnte, aber er meinte, dass sei sinnlos, dann würde der Druck ja nur noch mehr zunehmen. Hat er auch wieder recht.

Ich bedankte mich erst mal für die Information und verließ ziemlich verwirrt das Santätsfachgeschäft. Da fiel mir ein, dass relativ in der Nähe ein weiteres Sanitätsfachhaus war – mal schauen, was die dazu sagen würden.

Die beiden Damen hinter der Kasse unterbrach ich zunächst bei einem netten Plausch, das nahmen sie aber nicht übel und sehr freundlich wurde ich in eine Kabine gebeten, wo ich meine Kompression vorführte und meine Fragen stellte. Zumindest war dort die Kombi Kniestrümpfe-Capri nicht unbekannt. Als ich meinen Schreibtischjob erwähnte, kam gleich die Frage, ob ich meine Beine tagsüber ausreichend bewegen würde (ich erwähnte meine Mittagsrunde und (nicht ohne Stolz) meine Schreibtischschaukel) – also hatte ich schon mal den Eindruck, dass da Kompetenz vorhanden war.

Ich wurde dann gefragt, ob ich Manuelle Lymphdrainage bekommen würde – die Schwellung sehe nämlich auch so aus, als ob auch das Gewebe/Gewebeflüssigkeit von oben, also dem Oberschenkel- und Kniebereich, eine Rolle spielen könnte. Als ich verneinte, verwunderten sich die Damen sehr, das sei doch Standard für Lipödem. Außerdem sitze der Strumpf unter dem Knie zu eng, direkt unter dem Knie würden sie in diesem Sanitätshaus nie mit Zug messen, damit eben gerade nichts einschneide. Außerdem wunderten sie sich über den schrägen Rand meiner Kniestrümpfe, der dazu führt, dass der Kniestrumpf außen höher ist als innen – und genau über diesem niedrigeren Rand bildet sich dann an den Innenseiten unter dem Knie hauptsächlich die Schwellung im Lauf des Tages. Kniestrümpfe würden sie eigentlich immer gerade anpassen, schräge Nähte seien eigentlich für Abschlüsse an anderen Körperteilen gedacht… Jedenfalls schätzte die Sanitätsfachfrau und ihre Kollegin, die sich das auch anschaute, meine Kniestrümpfe oben am Rand als zu eng ein. Und ich solle doch auf jeden Fall bei meinem nächsten Arztbesuch noch mal nach MDL fragen, das könne auch gegen die Schwellung helfen, dass sie vielleicht im Lauf des Tages nicht so stark würde, und überhaupt, MDL sei für Ödem-Patienten, egal welcher Art, eigentlich Standard.

Daraufhin fragte ich, ob sie denn eventuell aus ihrer Praxis Ärzt*innen kennen würden, die sich richtig gut mit Lipödem auskennen würden, schließlich sehen sie ja immer die Rezepte. Bis auf die Namen, die ich auch schon kannte, kam leider nichts neues… Ich verstehe immer nicht, warum es hier in Berlin so sauschwer ist, jemand mit richtig viel Ahnung zum Thema Lipödem zu finden, wo man sich sicher sein kann, dass man die optimale Versorgung bekommt (z.B. auch Lymphdrainage), wenn es mir langsam so vorkommt, als ob alle Lipödem-Betroffenen in anderen Städten, die darüber in Foren schreiben oder bloggen, „einfach“ nur zu ihrem nächstgelegenen Hausarzt oder Phlebologin gehen müssen, die sich anscheinend alle mit Lipödem auskennen… das ist sicher ein falscher Eindruck, aber langsam kommt es mir so vor…

Was mich so frustriert, dass ich fast heulen könnte, ist die Tatsache, dass ich zwei Kompressions-Ausstattungen, also sauteure Hilfsmittel, bekommen habe, die anscheinend nicht korrekt angemessen/angepasst wurden. Ich musste sie nicht selbst zahlen, den Krankenkassen sei Dank, aber dass ich an drei Orten drei unterschiedliche Meinungen dazu bekomme, ist schon frustrierend. Denn die nächste Ausstattung bekomme ich frühestens ein halbes Jahr nach der ersten.

Man kennt sich anfangs einfach nicht damit aus, worauf zu achten ist oder was ein Problem sein könnte, eigentlich müsste es doch möglich sein, dass man sich darauf verlassen kann, dass man in einem Sanitätsfachgeschäft die richtige Beratung und Anpassung bekommt, aber so richtig sicher, wer von den dreien jetzt recht hat, bin ich nicht. Wobei ich dem letzten Sanitätshaus zuneige, aber wie kann ich mir sicher sein?!

Ich habe jetzt übrigens einen Trick angewandt, der sich gerade sehr angenehm im Vergleich zu vorher anfühlt. Die Sanitätsfachfrauen hatten sich ja über den schrägen Schnitt der Strumpfkante gewundert, dass die Außenseiten höher bedeckt sind als die Innenseiten. Daraufhin habe ich jetzt (oh Sakrileg!) den rechten mit dem linken Strumpf vertauscht… Sollte man eigentlich wirklich nicht machen, denn die Strümpfe sind ja von den Zehenspitzen über Fersen und Knöchel und Wade genau ausgemessen, und ich weiß, dass mein linkes Bein an fast allen Stellen etwas mehr (0,5 cm) Umfang hat als mein rechtes Bein. Aber oh! was für eine Wohltat, jetzt liegt nämlich die höhere Außenseite des Strumpfes stattdessen an den Innenseiten, wo es besonder stark einschnitt und schwoll, und das ist furchtbar angenehm im Vergleich…!

Mal sehen, was ich jetzt mache. Morgen habe ich meinen nächsten Arzttermin. Selbst wenn meine Ärztin mir morgen ein neues Rezept nur für Kniestrümpfe ausstellen würde, ist die große Frage, ob die Krankenkasse das bewilligen würde. Sowohl Ärztin wie auch Krankenkasse können völlig zurecht sagen, dass ich innerhalb der erste 14 Tage die Strümpfe hätte reklamieren/ändern lassen können… Wenn man aber gar nicht genau weiß, was der Grund für etwas ist, ist es ganz schön schwierig zu sagen: Machen Sie das bitte anders. Die Schwellung an den Knien hatte ich vor der Ausmessung für die Wechselversorgung erwähnt, die Sanitätsfachfrau hatte gesagt: „Ach, das liegt bestimmt daran, dass Ihnen die erste Versorgung zu weit geworden ist, da Sie ja an Umfang verloren haben, wenn die neue Versorgung enger ist, dann ist das Problem bestimmt behoben…“. Wenn mir eine Fachfrau so was sagt, dann glaube ich ihr dummerweise das – und dann braucht es leider eine Weile und ein paar Anstupser, bis ich wieder meiner eigenen Wahrnehmung genug traue, um zu sagen: „Nee, da stimmt immer noch was nicht richtig!“ Auch wenn die Hersteller nach Ablauf der 14 Tage keine kostenlosen Änderungen mehr machen, vielleicht kann ich Änderungen auf eigene Kosten machen lassen. Billiger als ein paar Kompressionskniestrümpfe (maßgeschneidert, flachgestrickt) auf eigene Kosten (mindestens um die 200 Euro) wird es hoffentlich schon sein.

Was die Möglichkeit des Maßschneiderns ausmacht, habe ich heute gemerkt, als ich online ein paar Kompressionsmöglichkeiten nach vorgefertigten Standardgrößen recherchiert habe. Während der Bereich meines Knöchels in den Bereich der Größe S fällt, die Wade in Größe M, gehört der Bereich über dem Knie ganz knapp noch zum Bereich L und für den Oberschenkelbereich braucht es eine XL. Leider muss man sich bei den vorgefertigten für eine Größe entscheiden, Standardgrößen fallen also flach. Dabei wird mir so richtig klar, wie anders die Maße von „normalen“ Beinen sein müssen, wenn das die Standardmaße sind. Na, schönen Dank auch, Lipödem.

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6 Gedanken zu “Kompression V oder: Drei Sanitätsfachleute, drei Meinungen

  1. Hallo 🙂
    Ich würde dir zum 3. Raten. Schräge Kniestrümpfe hab ich auch noch nie gesehen. Oberschenkel Strümpfe sind dagegen schräg.
    Solltest du abgenommen haben stehen dir wiederum neue Versorgungen zu. Nicht erst nach einem halben Jahr.
    Und ja oben sowie unten an allen „Rändern“ darf nicht mit starkem Zug gemessen werden um Stau von Lymphflüssigkeit zu vermeiden.
    Tut mir leid das du dich so ärgern musst. Schau doch mal nach einer Selbsthilfe Gruppe die haben mir schon immer viel geholfen und nett ist es auch 🙂
    Ärzte die sich auskennen sind überall selten bei mir war es eine lange Suche :-/
    Liebe Grüße und Kopf hoch.
    Claudia
    Wenn du magst schau mal bei mir vorbei: Thetasteofgoldenhue.Wordpress.com

    1. annesch

      Danke! Ja, dass ich noch weiter genug abnehme, darauf setze ich auch, um noch vor Juli eine neue Verordnung zu kriegen…

  2. Au Backe. Da sieht man mal wieder, dass man auf keinen Fall einer Quelle vertrauen sollte. MDL solltest Du drauf bestehen, gerade, wenn es jetzt wieder wärmer wird! Selbsthilfe kann ich auch nur empfehlen. Die haben immer Tipps, um Dich genau vor solchen Fehlern zu bewahren. Viel Erfolg!

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