Kompression VI oder: quot capita, tot sensus

(Bild: Erich Westendarp/pixelio) Quot capita, tot sensus – so viele Meinungen wie Köpfe. Ja, ich war heute schon wieder in einem Sanitätshaus. Diesmal am anderen Ende der Stadt in einem, das mir meine Lipödem-Ärztin (vom Fach her eine Haut-Ärztin) letzten Donnerstag explizit empfohlen hat – die Fachfrau dort solle sich mal die Versorgung anschauen. (Die Sanitätsfachfrau, bei der ich bisher meine Versorgungen habe machen lassen, wurde mir zwar auch von einer Arztpraxis empfohlen, aber von einer anderen, das lief im letzten Herbst so:  „Einen Termin kann ich Ihnen erst Mai 2017 geben.“ – „Können Sie mir denn wenigstens eine andere Arztpraxis empfehlen, die sich auch mit dem Thema auskennt?“ – „Das nicht, aber gehen Sie zu der und der Sanitätsfachfrau, die kann Ihnen sagen, was Ihre Hausärztin auf das Rezept für die Kompression schreiben soll, damit sie erst mal versorgt sind.“)

Meine Lipödem-Ärztin meinte, sie könne mir gar nicht sagen, ob meine Kompression richtig sitze. Ok. Sie könne mir allenfalls auf Anraten der Sanitätsfachfrau ein neues Rezept ausstellen, wenn es so gar nicht mit der bisherigen Kompression funktioniere und sich daran auch nichts mehr zurechtändern ließe. (Dann kommt es allerdings noch drauf an, ob die Krankenkasse sich bereit erklärt, das zu übernehmen.)

Also rief ich Freitag bei dem Sanitätshaus an, erfuhr, dass die entsprechende Fachfrau am Montag da sein würde und machte mich heute nach Feierabend auf den Weg nach Tegel.

Die Sanitätsfachfrau war sehr nett (aber das sind die Sanitätsfachpersonen, nach meiner Erfahrung bisher, eigentlich alle, ich bin noch keiner/m begegnet, die nicht freundlich/höflich war) und sie verstand mein Problem. Sie fand meine Kompression etwas seltsam geschnitten, zu kurz in den Kniestrümpfen und etwas zu fest in der Kompression der Capri, die an den Waden über den Strümpfen liegt – wie der Sanitätsfachmann im ersten vergangene Woche besuchten Haus schon anmerkte, addieren bzw. potenzieren sich übereinander getragene Kompressionen. Dadurch ist der Übergang von dem Bereich des Beines, wo die Kompression doppelt liegt, zu dem, wo die Capri-Hose einfach nach oben weitergeht, natürlich krasser und die Gefahr, dass sie da eine Schwellung bildet, größer.

Auch fand sie, dass der Kniestrumpf oben zu eng sitze – da, wo er ja auch einschneidet und sich darüber im Lauf des Tages die Schwellung bildet. Auf ihre Frage wusste ich nur zu sagen, dass generell bei der Anmessung zunächst die Hautmaße, dann für die Maße der Versorgung die sogenannten Zugmaße genommen worden waren: also das Maßband um einiges enger gezogen wurde, weil ja die Kompression eng sitzen soll. Ob bei der Versorgungsanmessung nun allerdings direkt unter dem Knie die Haut- oder die Zugmaße genommen worden waren, konnte ich nicht sagen, da hatte ich nicht drauf geachtet, zumindest kann ich mich nicht erinnern.

So weit, so nachvollziehbar die Argumentation: Kniestrumpfabschluss zu eng, zu niedrig sitzend am inneren Kniebereich (da stimmte sie also mit den Damen aus dem zweiten Haus letzte Woche überein) und zu starker Kontrast zwischen potenzierter Kompression bei übereinanderliegender Schicht und der Kompression der einfachen Capri darüber (Übereinstimmung mit dem ersten Haus letzte Woche). Dann sagte heutige Sanitätsfachfrau aber etwas, was mich völlig in Verwirrung stürzt. Dass sie nämlich für gewöhnlich ganz ohne Zugmaße, sondern nur mit Hautmaßen arbeiten würde. Schließlich gehe es darum, einen Status quo zu erhalten (ach?). Ich dachte, es ginge auch darum, die vorhandenen Ödeme möglichst zu verringern oder den Körper darin zu unterstützen, sie nach und nach zu verringern. Dass das bei Lipödem nicht nur heißt, Gewebewasser aus dem Gewebe zu pressen, sondern noch allerhand große Teilchen wie Eiweiße und Co, ok, aber ich dachte, auch das wäre durch die Unterstützung des Lymphsystems durch einen erhöhten Kompressionsdruck möglich. Und ich weiß nicht, ob ich schon Anzeichen einer Kompressionsabhängigkeit zeige, aber wenn ich mir eine Kompression vorstelle, die z.B. an den Knöcheln oder auch an den Oberschenkeln weniger eng sitzt als meine jetzige (nicht an den Knien, obviously), dann habe ich gleich die sehr unangenehme Vorstellung, wie mir quasi die Beine volllaufen…

Was meine jetzige Kompression angeht: Ich werde meine bisherige Fachfrau aufsuchen, mit ihr über das Problem sprechen und sie fragen, was sich, auch nach dem Ablauf der 14 Tage, in denen die Hersteller zur Nachbesserung verpflichtet sind, da noch machen lässt, durch Entgegenkommen der Hersteller oder meinetwegen auch durch eine von mir bezahlte Änderung. Da ich die Bestellung immer über Sanitätsfachleute läuft, muss ich dafür über die Person gehen, die die Bestellung vorgenommen hat. Ich hoffe, sie wimmelt mich nicht mit einem „Das lässt sich gar nicht ändern, das ist jetzt so.“ ab. Zumindest habe ich durch die Kommentare der anderen Sanitätsfachleute gewisse Argumentationshilfen an der Hand, was man sinnvollerweise ändern könnte. Ob ich erwähne, dass ich mich von „Konkurrent*innen“ habe beraten lassen, weiß ich noch nicht. Kommt auf den Verlauf des Gesprächs an.

Dann werde ich zusehen, dass ich in den kommenden Wochen und Monaten weiter abnehme (krebse seit Jahresbeginn etwas herum, immer mal ein Kilo weniger, dann wieder mehr, immer war irgendwas, was mich aus dem Tritt in Bezug auf Kaloriendefizit brachte, jetzt muss ich schauen, dass ich wieder in den Rhythmus komme und mich nicht rausbringen lasse). So kann ich guten Gewissens vielleicht im Mai oder Juni (dann sind hoffentlich realistischerweise nach dem Stand der Dinge minus 10 kg seit November weg) zur Ärztin gehen und fragen: „So, seit der ersten Verschreibung so und so viel abgenommen und die Maße an den Beinen so und so verändert, rechtfertigt das ein neues Rezept…?“

Dann stehe ich allerdings vor dem Problem: Zu welchem Sanitätshaus gehe ich dann, um mir die Kompression anfertigen zu lassen…? Das heute mit „Ohne Zugmaß nur mit Hautmaß“ hat mich jetzt komplett verwirrt, von den unterschiedlichen Meinungen letzte Woche ganz abgesehen. Woher soll ich wissen, wer jetzt recht hat? Ich hatte mir ja Hoffnungen gemacht, dass mir die Ärztin was dazu sagen kann, aber die hat mich ja nur weiterverwiesen – und jetzt sitze ich da mit der verwirrenden Aussage „Keine Zugmaße“. Es ist wirklich frustrierend. Liebe Mit-Lipödem-Betroffene, die ihr das lest, könnt ihr mir kurz sagen, was Eure Erfahrungen sind? Zugmaße? Hautmaße? Bei Owl habe ich ja schon gelesen, dass bei ihr mit ZUgmaß gearbeitet wird…

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6 Gedanken zu “Kompression VI oder: quot capita, tot sensus

  1. Oh, das ist ja ein sehr schwieriges und umfassendes Thema. Merkwürdig, dass es so viele unterschiedliche Meinungen dazu gibt. Gibt es denn keinen geschulten Arzt, der einem genau sagen könnte, wie die Dinger sitzen müssten bzw. der prüfen kann, ob das alles korrekt angepasst wurde? Ich drücke Dir die Daumen, dass Du bald eine für Dich gute Lösung findest. LG, H.

    1. annesch

      Danke! Es ist wirklich frustrierend. Man sollte denken, dass es für ein mehrere Hundert Euro teures Hilfsmittel mehr Anhaltspunkte für den Sitz gibt, als x verschiedene Meinungen. Hatte ja auf die Ärztin gehofft, aber die hat mich ja nur an Sanitätsfachfrau weiterverwiesen, die jetzt wieder was anderes sagt – also letzten Endes bin ich auch auf der Suche nach neuer Ärztin für den Bereich… Ich werde mich jetzt mal an einen Physiotherapeuten wenden, der auch in einem Lipödem-Forum mitschreibt (guter Schachzug, muss man sagen) und der sich hoffentlich auch etwas zum Thema Kompression auskennt oder mir vielleicht weitere Arztadressen zum Thema in Berlin nennen kann… Und in dem Lipödem-Forum werde ich auch noch zum Thema Kompression fragen. Ich bin nur etwas forumsscheu, weil ich mit Twitter und Blog eigentlich kommunikativ online „ausgelastet“ bin und nicht noch was anfangen will… 😉

      1. Ja, das mit der Auslastung kann ich verstehen. Da muss man auch schauen, dass es nicht überhand nimmt. Du könntest vermutlich noch fünf Sanitätshäuser besuchen und da bekommst Du wieder eine andere Auskunft. Irre. Und wenn Du mal bei der Krankenkasse nachfragst und ehrlich sagst, dass Du vor lauter unterschiedlicher Informationen nicht mehr weiter weißt? Die müssten doch ein Interesse daran haben, dass sich Dein Gesundheitszustand verbessert und nicht verschlechtert.

        1. annesch

          Ich fürchte, in der Krankenkasse kann mir da auch niemand weiterhelfen, die haben ja damit in der Praxis nichts zu tun. Bester Weg ist wahrscheinlich wirklich, sich mit Mit-Betroffenen auszutauschen und weiter „rumzuprobieren“. *notiert sich: heute Abend Forumsfrage schreiben*

  2. Pingback: Kompression VII oder: Das Ende vom Lied, vorerst. – Berg- & Talträume

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