Gewohnheiten II

Einige meiner Gewohnheiten habe ich recht fest etabliert, so die Mittagsrunde in meiner Mittagspause durch den Park, gar nicht mal wegen irgendwelcher Kalorien, die ich dabei verbrauche, sondern meinen Beinen zuliebe, um Blut- und Lymphfluss wieder ordentlich in Gang zu bringen. Außerdem ist es immer wieder schön, am Parkteich zu schauen, was dort los ist (wie neulich die Blässhühner, der Reiher, die Spatzen), und, wie gestern, Sonnenstrahlen zu genießen und sich voller Genugtuung vorzustellen, wie die Vitamin-D-Speicher durch das Sonnenlicht wieder aufgefüllt werden.

Anderer Gewohnheiten liegen gerade etwas brach. Ich habe Phasen, in denen ich jeden Abend noch eine Runde spazieren gehe – das war in letzter Zeit nicht so, das will ich wieder anfangen. Meine Wege lege ich zwar alle mit dem Fahrrad zurück (was gut ist), aber so richtig weit sind sie im Alltag nicht, die 2,5 km zur Arbeit – es wäre so gut, wenn ich morgens etwas weniger trödeln würde und einfach noch einen Umweg mit dem Rad von zusätzlichen 4-5 km (das wären, je nach Strecke und Ampeldichte, um die 20 Minuten) fahren würde. Nach dem Büro habe ich meistens keine Lust auf einen Umweg, da könnte ich den natürlich rein theoretisch auch fahren. Gestern war ich abends jedenfalls wieder mal spazieren und es tat gut. Note to self: wieder angewöhnen, und wenn es nur die „kleine Runde“ ist.

An Arbeitstagen morgens nicht zu frühstücken und erst mittags was im Büro zu essen, hat sich bewährt. Es fällt mir leicht und kommt mir entgegen, weil ich so später aufstehen muss. Das späte Aufstehen hat allerdings seine Nachteile. Ich befinde mich quasi im Halbschlaf (auch noch nach der kalten Dusche), bis ich auf dem Fahrrad sitze, was mich zum einen trödelig macht, zum anderen mich ziemlich automatisiert handeln lässt. Und automatisiert handeln heißt bei mir vor allem: gewohnheitsmäßige Kleidungswahl, was auf Jeans/Hosen hinausläuft. Und gerade das wollte ich ja ändern. Ich hatte ja an sonnigen Oktobertagen letzten Herbst festgestellt, dass meine (damals noch improvisierte) Kompression kombiniert mit Jeans einfach zu warm ist, erst recht auf dem Fahrrad. Der Plan war eigentlich, sich im Lauf des Winters mit kräftigen robusten Winterröcken sich an das „Rocktragen“ zu gewöhnen. Ja, Pustekuchen. Im vertrödelten morgendlichen Halbschlaf, der dann irgendwann hektisch wird, habe ich mich dann doch immer wieder für die gewohnte Hose entschieden, was ja im Winter temperaturmäßig auszuhalten ist. Ja, bei Minusgraden auf dem Fahrrad blieb mir ja wohl auch keine Wahl! Aber seit den Minusgraden ist einige Zeit vergangen und ich habe mich leider immer noch nicht so richtig an Röcke gewöhnt, auch wenn die Kombi aus Kompression und Hosen spürbar wärmer wurde.

Seit vorgestern ist es temperaturmäßig, zumindest in Berlin, jetzt so weit, dass ich umsteigen muss. Selbst eine Hose aus dünnerem Stoff ist zu warm. Also trug ich gestern Rock und es war ok. Beim Gehen sieht der knielange Rock genau richtig aus und die Kompression wirkt einfach wie eine blickdichte Strumpfhose. Und dass der Rock beim Fahrradfahren hochrutscht und unter dem halblangen dünnen Mantel nicht wirklich auffällt und es so wirkt, als würde ich in schwarzen oder dunkelblauen Leggins fahrradfahren… – was soll’s, versuche ich mir zu sagen, Menschenskind, hier ist Berlin, hier laufen alle so rum, wie es ihnen passt, krieg dich wieder ein, es achtet doch sowieso niemand darauf, und selbst wenn, es sieht doch aus wie eine dunkle Leggins, also ehrlich… usw. usf. Es ist bloß eben gar nicht so einfach, wenn sich der Bereich des Körpers, der für einen selbst die absolut krasse Problemzone darstellt, plötzlich so entblößt anfühlt. Blöde Sprüche habe ich mir zum Glück nur selten anhören müssen, aber ein „Boah, hat die fette Oberschenkel!“ von Wildfremden beim Vorbeigehen an einem Café zu hören goes a long way, bevor man die paranoide Angst, alle Welt starre diese Problemzone an, sich abgewöhnen kann.

Aber ich schweife ab. Eigentlich wollte ich über Gewohnheiten schreiben. Eines möchte ich seit langer Zeit umstellen, und es gelingt mir nicht. Ich schiebe seit Wochen ein gewaltiges Schlafdefizit vor mir her, und die Zeitumstellung letzten Sonntag hat die Sache nicht besser gemacht. Neben dem abendlichen Spaziergang will ich mir also angewöhnen, abends gegen 11 h im Bett zu sein, um dann noch vor Mitternacht das Licht auszumachen. (Zurzeit sieht es eher so aus, dass ich um halb eins im Bett bin, über meine Müdigkeit, die ich durchaus spüre, hinweglese und dann doch erst gegen 2:00 h das Licht ausmache.) Beim Schlaf ist es genauso wie bei Essen. Eigentlich nehme ich die Signale meines Körpers war: Ich bin müde, ich gähne, meine Augen brennen, die Gedankenprozesse laufen auch nicht mehr so ganz reibungslos. Oder: Der Hunger ist gestillt, der Magen fühlt sich gefüllt an, Hunger habe ich eigentlich keinen mehr. Trotzdem handele ich gegen diese Signale – bleibe weiter wach, esse doch noch etwas. Und ärgere mich so so sehr, wenn das Aufstehen am nächsten Morgen eine Qual ist oder ich mir mein hübsches Kaloriendefizit nicht nur ab und zu, sondern einfach zu oft versaue, so dass die Abnehmerfolge immer wieder durch solche Tage relativiert werden und ich seit Monaten um dasselbe Gewicht auf der Waage kreise, mal ein bisschen drüber, mal drunter.

Im Moment kommt es mir so vor, als ob ausreichender Schlaf der Schlüssel zu ganz vielem wäre. Mehr Ruhe und weniger Hektik morgens. Morgens Zeit (und Motivation) z.B. etwas zu meditieren, was in Sachen Achtsamkeit auch, aber nicht nur in Bezug auf die Nahrungsaufnahme hilfreich sein kann, oder einen Umweg zur Arbeit zu fahren. Mal schauen, ob ich mir das angewöhnen kann. Letzten Endes muss ich dann meinen Abend von Grund auf anders organisieren, damit das klappt, früher ins Bett zu gehen. Etwa meinen Abendspaziergang nicht erst so gegen 22 oder 23 h zu machen, sondern z.B. jetzt. Ok. Ich lad das jetzt hier noch hoch und dann mache ich mich auf den Weg.

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7 Gedanken zu “Gewohnheiten II

  1. mihani

    Mir war gar nicht klar, dass es beim Essen und Schlafen die gleichen Mechanismen sind, die eigenen Signale zu ignorieren. Danke für die Erkenntnis! Der fehlende Schlaf führt bei mir auch noch zu Dauerappetit, gar nicht gut.

    Zur halbautomatisierten Kleidungswahl – würde es dir helfen, deine Sachen schon am Abend rauszulegen? Mache ich manchmal, wenn ich früh Termine habe. Wenn du eh deine Abendroutine verändern willst…

    Aber erstmal – gute Nacht!

    1. annesch

      Ich habe drüber nachgedacht, warum ich das nicht mache. Ich glaube, mein Abend-Ich ist von meinem Morgen-Ich so verschieden, dass sich das Abend-Ich gar nicht vorstellen kann, dass das morgendliche Ich zu bedröppelt sein könnte, sich die Klamotten auszusuchen. Mein Abend-Ich traut meinem Morgen-Ich immer sehr viel zu: z.B. auch eine Stunde eher aufzustehen, als ich eigentlich müsste, anstatt 10-12 Mal die Snooze-Taste zu drücken… 😉

  2. Schlaf ist unglaublich wichtig! Wusstest Du, dass man, wenn man unausgeschlafen ist, immer mehr Hunger hat und dann tatsächlich mal eben locker um die 200kcal am Tag zusätzlich verputzt ohne es zu merken? Man versucht die fehlende Energie durch Essensenergie auszugleichen. Ich merke das an mir selbst auch. Wenn ich unausgeschlafen bin, könnte ich ewig Süßes essen.
    Mach Dir nicht zu viele Gedanken wegen des Rocktragens. Ich glaube auch nicht, dass viele darauf achten und sich was dabei denken, schon gar nicht in einer Stadt wie Berlin. Aber ich kann Dich durchaus verstehen, ich mache mir auch ständig Gedanken, wie sieht das an mir aus oder das oder soll ich das wirklich kaufen? Ich musste lange mit mir kämpfen, nicht immer nur schwarze Kleidungsstücke zu kaufen, sondern auch mal bewusst was Farbenfrohes zu wählen. Und siehe da, es gibt Farben, die mir besonders gut stehen und die ich wirklich an mir mag. 🙂 LG, H.

  3. Für mich hat das Ganze noch eine dritte Komponente. Nämlich TRINKEN.
    Wenn ich müde oder durstig bin, esse ich wie bekloppt. Es hat relativ lange gedauert, bis ich bewusst Gewohnheiten entwickelt habe dagegen anzugehen.

    Jetzt trinke ich Wasser, wenn ich zu ungewöhnlichen Zeiten Hunger bekomme.

    Und wenn das nicht hilft, mache ich ein Nickerchen. Es findet sich immer ein Plätzchen an dem man ungestört ist 😉

    Liebe Grüße
    Bea

    1. annesch

      Ausreichend zu trinken ist für mich nie ein Problem und war es nie – schon als Schülerin während der Hausaufgaben Riesenkanne Tee geleert, heute normaler Tag: morgens große Tasse kalter roter Tee vom Vortag, im Büro im Lauf des Tages eine Karaffe Zitronenwasser, ein bis zwei Kannen roter Tee oder Pfefferminz), zuhause geht’s ähnlich weiter… ) Ich mache mir eher Sorgen, dass ich zu viel Flüssigkeit zu mir nehme, aber deshalb nicht zu trinken, wenn ich möchte, ist ja kein Grund. Und ja, ich habe schon mal bei der Ärztin gefragt, ob der viele Durst ein Anzeichen von Diabetes sein könnte, Blutzucker ist aber in Ordnung… ich schiebe es inzwischen darauf, dass ich vom Sternzeichen her Fisch bin… 😉 Und ich kenne auf meinen Alltagswegen alle öffentlich zugänglichen Toiletten (in Bibliotheken o.ä.)

  4. Wenn dir der Kommentar hier (oder auch allgemein) nicht passt, kannst du ihn gerne löschen, aber zu deinem aktuelleren Artikel, den man ja nicht kommentieren kann: Tut mir so Leid, dass dir so eine Scheiße passiert ist! Mich packt auch jedes Mal so eine kalte Wut, wenn solche Dinge passieren. Ich wünschte, ich könnte es einfach vergessen, während ich gleichzeitig immer wieder im Kopf durchspiele, was ich besser hätte machen sollen… Und irgendwie habe ich auch oft das Gefühl, dass die „Vergiss es doch einfach“ Stimme(n – in meinem Kopf und von anderen) mich daran hindern, es zu irgendeinem kathartischen Abschluss zu bringen. (Hoffentlich ist es nicht unpassend, dass ich jetzt über mich und meine Gefühle schreibe – ich will mich nicht in den Vordergrund drängen, aber ich will auch nicht schreiben „Du fühlst jetzt bestimmt… Und es würde bestimmt helfen wenn du…“ Naja, potentially problematic comment is potentially problematic…).
    Die Sache mit deinem Vater und deinem Bruder finde ich aber auch krass…

    1. annesch

      Hallo, ich danke Dir für Deinen Kommentar! Da habe ich mich wohl doof ausgedrückt, ich wollte nur keine Kommentare der Art „Ach, reg dich nicht über eine solche Kleinigkeit auf, du machst es erst zu einer großen Sache, weil du dich aufregst“ – oder habe ich versehentlich die Kommentare gesprerrt? Muss ich gleich mal gucken. Darf ich Dich einfach bitten, Deinen Kommentar noch mal unter dem „richtigen“ BEitrag zu posten, weil ich darauf eingehen will und es sonst irgendwann verwirrend wird? Und keine Sorge von wegen eigene Gefühle in den Vordergrund stellen, ich finde das hilfreich zu hören, was andere in Bezug auf so etwas empfinden und die Formulierung Deiner Gefühle beschreibt es für mich sehr genau, dieses „Zusammenreißen, abhaken, weitermachen“, anstatt es richtig zu verarbeiten… Also noch mal danke, ich checke gleich den Kommentarstatus und dem anderen BEitrag!

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