FLÜ in Romanform II – oder doch nicht?

Ich wollte ja noch einen zweiten Teil über das Buch „Jemima J.“ von Jane Green schreiben (hier geht’s zum ersten Teil). Aber dann hat seit Ostern mein Laptop nach einem blöden Windows10-Update gesponnen (ich sag nur: Arrgghhh!), es dauerte dann noch ein paar Tage, bis ich das Ding dann in einen Computerladen brachte und bis es dann wieder lief, wp-1493927692665.jpegwie es sollte. Dann war ich mit meinem Chor über das Wochenende vom 1. Mai auf Usedom (sehr schön! Hier im Bild eine windzerzauste Nebelkrähe am Strand). Und jetzt kriegt ihr also den zweiten Teil.

So ganz weiß ich nicht mehr, wie ich den zweiten Teil schreiben wollte, vielleicht fällt es jetzt etwas zusammenfassender und kürzer aus als ursprünglich geplant, aber das ist ja auch kein Problem.

Ich überlege gerade, was ich von der Romanhandlung verrate, von wegen Spoiler und so. Hm, ich werde danach gehen, welche Aspekte mich beim Nachdenken beschäftigt haben, was so ziemlich alle Elemente der Handlung sind, also wer keine Spoiler haben will, sollte nicht oder nur vorsichtig weiterlesen.

Die Protagonistin Jemima hat also, wenn ich die Zeitangaben im Buch richtig deute, in etwa einem halben Jahr von etwa 98 auf 55 kg abgenommen, 43 kg, ist megasportlich und meganervös, als sie jetzt ihren LA-Online-Flirt Brad, der auch noch Besitzer eines Sportstudios ist, besucht. Zwischendurch durfte Freundin/Kollegin Geraldine noch die gute Fee spielen und sie auf eine Styling-/Shoppingtour schleppen, dem Friseur die Anweisungen für den typverändernden Schnitt geben und Jemima die Kleidungsstücke in den niedrigen Größen in die Hand drücken, die sie sonst nie im Leben als erstes in die Kabine genommen hätte, weil sie nicht davon ausgegangen wäre, dass sie passen.

LA-Brad und Jemima begegnen sich, sind sich sympathisch, sie wohnt in seinem megatollen Haus in Kalifornien und das Gästezimmer ist bald nicht mehr nötig, weil sie sich insgesamt näher kommen. An dieser Stelle wird es zum ersten Mal richtig unrealistisch. Denn mit keinem Wort wird erwähnt, dass man Jemimas Haut ansieht, dass sie kürzlich eine große Abnahme hinter sich hat, und das ist durchaus relevant, weil Brad davon ausgeht, dass sie schon immer schlank, sportlich, „perfekt“ gewesen sei. Und so gut sich Haut vielleicht auch im Lauf der Jahre zurückbilden mag: nach 43 kg Gewichtsverlust innerhalb eines halben Jahres sieht man das. OK, „poetic licence“?

Jemima verlängert ihren Aufenthalt in Kalifornien, ihr Zeitungschef kann ihr übrigens, seit sie abgenommen hat, nichts mehr abschlagen, sie hatte zuvor schon die Beförderung bekommen, die ihr vorher lange Zeit verwehrt worden war. Sie kann noch einige Monate in LA bleiben, soll eine regelmäßige Kolumne schreiben. Sie ist in einer festen Beziehung mit Brad, versteht sich super mit fast allen Menschen in der Umgebung, nur ist da eine junge Frau im Sportstudio, eine Assistentin von Brad, die ihr feindselig begegnet, eine stark übergewichtige junge Frau. Gerne würde Jemima ihr von ihrem eigenen Abnehmerfolg erzählen und sie ermutigen, ähnliches zu versuchen, aber das geht ja nicht, weil sie die Fiktion aufrechterhält, dass sie nie dick war.

(Achtung, großer Spoiler, ggfs diesen Absatz überspringen.) Eines Tages fallen ihr durch einen dummen Zufall in Brads Haus Zeitschriften und Bilder in die Hände, explizites Material, Zeitschriften, die Bilder für Männer mit einem „Fetisch“ für sehr übergewichtige Frauen haben, und Nacktbilder von eben jener übergewichtigen Assistentin aus dem Sportstudio. Alles fällt in sich zusammen, Brad gesteht, dass er eigentlich die andere liebt und mit ihr zusammen ist, aber aufgrund der oberflächlichen Kultur in Kalifornien ein gutausehendes sportliches „Babe“ für sein soziales Standing bräuchte. Jemima fühlt ihre eigene Abnehmleistung zutiefst in Frage gestellt, wenn Männer Frauen lieben, gerade weil sie so fett sind, wie sie einmal war – ihr ganzes Weltbild ist auf den Kopf gestellt.

Jemima verlässt ihn und zieht zu einer Freundin, die sie in den letzten Wochen kennengelernt hat. Dummerweise ist ihr Rückflugticket nicht mehr umbuchbar und für einen Termin in einigen Monaten. Sie steckt also fest. Jetzt kommt der Zufall um die Ecke. Sie begegnet einem früheren Kollegen, in den sie wahnsinnig verliebt war, der die Zeitung bereits vor ihrer großen Abnahme verlassen hatte, um beim Fernsehen Karriere zu machen. Dieser Kollege erkennt sie nicht, ist aber hin und weg von ihrem Aussehen.  Nach einigem verwirrenden Hin und Her gesteht sie ihm, wer sie ist, er ist weiterhin hin und weg, und schließlich enden sie nach ein paar Schwierigkeiten zusammen als glückliches Paar in Großbritannien. Dieses Ende hat mich schon bei meiner ersten Lektüre wahnsinnig geärgert. Ich glaube, jede übergewichtige Frau, die wenig Selbstsicherheit hat, imaginiert, dass sie es im romantischen Bereich sehr viel einfacher hätte, wenn sie schlanker wäre. Sie stellt sich vor, wie es wäre, wenn es ihr gelänge, abzunehmen, und wie dann bei denen, in die sie unglücklich/unbemerkt verliebt war, die Kinnladen runterfallen würden. Aber, ich weiß nicht, wie es Euch geht/ging: Wenn ich mir früher vorstellte, mich würde die Person, die mich als Fette ignoriert hatte, als Schlanke plötzlich umwerben… – da stellten sich mir die Nackenhaare hoch. Klar bedeutet in den meisten Fällen eine Abnahme auch, dass man sich wohler in der eigenen Haut fühlt, ein anderes Selbstbewusstsein zeigt, eine andere Art hat, sich zu bewegen, aufzutreten, weniger zurückhaltend ist: das kann alles neben dem Aussehen eine Rolle dabei spielen, dass man plötzlich von jemandem wahrgenommen wird.

Im Epilog ist Jemima dann also in einer glücklichen Beziehung, „no longer skinny, […], no longer obsessed with what she eats. Jemima Jones is now a voluptuous, feminine, curvy size 12 who is completely happy with how she looks.“ Das Buch endet also auf einer Note von „body positive“,. was ja erst mal nicht schlecht ist, aber man kann es auch übertreiben: Glaub an dich selbst, sei du selbst, und alles wird gut, ist das ziemlich grauenerregend süßliche Mantra der letzten Seite. Dass ihr Typ ihr wahrscheinlich keinen zweiten Blick zugeworfen hätte, sondern sie „nur“ wie zuvor als Kumpel/Freundin gesehen hätte, wenn sie nicht abgenommen hätte, bleibt ausgeblendet. „Size 12“ finde ich schwierig einzuordnen, ich gehe mal davon aus, dass die englische  Size 12 gemeint ist, nicht die amerikanische (die amerikanische Size 12 ist die englische Size 16). Laut Wikipedia entspricht Size 12 einer deutschen 38 bzw. französischen 40 mit den Maßen 91 (Brust) – 74 (Taille) – 99 (Hüfte).  Ich habe mal bei Instagramm „Size 12 dress“ eingegeben (bei „size 12“ kamen erst mal ganz viele Schuhe…), aber richtig viel schlauer macht mich das auch nicht, da eine amerikanische 12 eine britische 16 ist, die eine deutsche 46 ist. Diese Kleidergrößenverwirrung!

Wir wissen also nicht, welche Figur Jemima am Ende hat, und das ist sicher Absicht – „alles nur Zahlen“ wird nicht gesagt, aber am Ende impliziert. Jemimas bewundernswerte Abnahme wird von der auktorialen Erzählstimme, die mit der Ich-Erzählerin Jemima abwechselt, als obsessives, etwas übertriebenes Verhalten dargestellt.

Als ich das Buch vor ein paar Jahren las, dachte ich wie gesagt: Unrealistisch, die Abnahme in dieser kurzen Zeit. Nach der Lektüre von FLÜ und den vielen tollen Beispielen z.B. hier auf dem Fettlogik-überwinden-Blog glaube ich das nicht mehr. Damals las ich das Buch mit dem Gefühl von „Ach, wenn das doch möglich wäre, wenn ich das doch auch hinkriegen würde!“ Heute ärgert mich die hintergründige Message, dass das doch alles sowieso nur Äußerlichkeiten seien, denn ein Aspekt taucht bei der Beschreibung der Abnahme überhaupt nicht auf, nämlich der Gesundheitsaspekt bzw. das veränderte Körpergefühl. Es ist, glaube ich, von der Autorin auch gar nicht beabsichtigt gewesen, eine realistische Abnahme in realistischer Zeit darzustellen: dass es trotzdem rein theoretisch unter den von ihr geschilderten Umständen möglich wäre, ist eher Zufall. Die Autorin will einerseits vermitteln, dass es doch eigentlich gar nicht so auf die Figur oder Sportlichkeit ankäme, gleichzeitig verliebt sich der „Prinz“ erst in das Aschenputtel, nachdem sie abgenommen hat. Sehr seltsame, widersprüchliche Message.

Dass Jemima einen geradezu unbeschreiblichen Gesundheitseffekt gemerkt haben muss, auf ihre Gelenke, auf ihre Alltagsbeweglichkeit, wird nicht zum Thema. Klar wird gesagt, dass sie ihre Zeit an den Sportgeräten immer weiter verlängert, aber das nur unter dem Aspekt des Kalorienverbrauchs. Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, beschert schon eine Abnahme um 10 oder 15 Kilo ein enormes Gefühl der Leichtigkeit, so dass man sich schon gar nicht mehr vorstellen kann, wie man diese Entsprechung z.B. eines Sixpacks mit 1,5-L-Flaschen im Alltag mit sich herumgeschleppt hat. Ich kann ich nur davon ausgehen, dass die Autorin selbst keine große Abnehmerfahrung hat, aber leider auch mit niemanden gesprochen hat, die so viel abgenommen hat. Sie hat wahrscheinlich recherchiert, aber auch nicht sehr gründlich (und ihre Lektorin/ihr Lektor auch nicht), sonst wäre es nicht zu so Widersprüchlichkeiten gekommen, dass die Sache mit der Haut nicht erwähnt wird, dass keinerlei Gewichtsplateaus erwähnt werden. Dabei hätte das für zusätzliches Drama im Plot gesorgt, so ein Gewichtsplateau kann ein schrecklich fieser Antagonist für die Protagonisten einer Abnehm-Story sein! 😀 Aber um eine realistische Darstellung ging es ja vielleicht gar nicht, siehe oben.

Naja, ich fand es einerseits recht interessant, das Buch mit meinem neuen Wissen erneut zu lesen und ein bisschen die angegebenen Fakten zu überprüfen. Andererseits hat mich die widersprüchliche Message genervt und letzten Endes die Ungenauigkeiten – denn wenn man einerseits so viele Zahlen angibt, erweckt man den Anschein von Genauigkeit, aber wenn man dann andererseits gar nicht realistische Zahlen anstrebt, ist das ein bisschen fies. Ach so, eine Fettlogik noch zum Schluss: Zu Beginn wird ja, in großer Ausführlichkeit, geschildert, was Jemima an einem normalen Tag isst – und schon beim Überschlagen kommt man locker auf über 3000 kcal. „Kein Wunder, dass sie so fett ist!“ denkt sich die Leserin, der Leser. Aber: mit ihren Maßen und Gewicht und einem sitzenden Lebensstil hat sie gerade mal einen Grund- und Leistungsumsatz von etwas über 2000 kcal. Das heißt, auch wenn sie „nur“ 2300-2500 kcal am Tag essen würde, wäre das eine Erklärung für ihr Übergewicht. Aber das wäre natürlich in einem Roman nicht so schön dramatisch wie die übertriebenen Mengen, die ihr zugeschrieben werden. Insgesamt eine perfekte Illustration von „Linksi“ aus dem Comic von Erzählmirnix ganz am Ende dieses (wie immer lesenswerten) Blogbeitrags „Das hat sie nicht gegessen“ von Erzaehlmirnix: Ich sag nur: „Stückchen Donut?“!

donut

 

Advertisements

3 Gedanken zu “FLÜ in Romanform II – oder doch nicht?

  1. Pingback: FLÜ in Romanform von 1998 – oder fast – Berg- & Talträume

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s