Wie so’n Kleinkind: „Noch mal, noch mal!“

Kennt Ihr das? Einem Kleinkind etwas zeigen oder vormachen, was man selber ganz spaßig und nett findet, z.B.: Es an den Händen halten, so dass es mit den Füßen die Beine der/des Erwachsenen hochlaufen kann, um dann auf Armhöhe an den Händen einen Purzelbaum zu schlagen. Oder das Kind beim Schaukeln auf dem Spielplatz anschubsen. Oder dabei helfen, einen Sandkuchen zu backen. Oder ein Buch vorlesen. Ein Papierboot falten… Ihr wisst, was ich meine.

Bei Kleinkindern ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie gleich nach der Aktion „Noch mal!“ rufen und sich voller Freude in die Wiederholung stürzen. Die Wahrscheinlichkeit ist auch groß, dass der/die jeweilige Erwachsene früher als das Kind die Motivation verliert, das Kind zum X. Mal einen Purzelbaum an den Händen schlagen zu lassen oder den 8. Sandkuchen zu backen. 😀

Ich denke, diese Lust an der Wiederholung von etwas, was neu oder schön oder spaßig oder aufregend, ist eine tolle Sache bei (Klein-)kindern. Wunderbar, dass sie es merken, dass ihnen etwas gefällt oder gut tut und prompt die Wiederholung einfordern, was nüchtern betrachtet auch bestimmt einen verstärkten Lerneffekt zur Folge hat. Ich kann mich erinnern, wie als Kind bei einem Sonntagsausflug an einen Bach im Wald von meinen älteren Schwestern das Flechten lernte: mit Binsen, die an dem Bach dort wuchsen. Ich glaube, die Tage danach war nichts, was irgendwie einer Schnur ähnelte und in mindestens Dreiergruppen auftauchte, vor meinen Flechtversuchen sicher (ältere Geschwister und Erwachsene waren anfangs noch gefordert, die entsprechenden Anfangs- und Endknoten zu machen, vor allem bei den sperrigen Binsen). Und als ich Papierboote falten lernte, hatte ich bald eine ganze Flotte.

Ich bin auf dieses Thema „Noch mal!“ gekommen, weil mir dieser Tage auffiel, dass mein Appetit anscheinend so funktioniert. Was nicht so optimal ist. Beispielsweise mein habitueller abendlicher Milchkaffee, zu dem ich mir etwas dunkle Schokolade gönne. Ich versuche es schon gar nicht mehr mit einem Stück (10 g, 60 kcal), sondern gehe von vorneherein von zwei Stücken aus und rechne eben diese 120 kcal in mein Budget mit ein. Das ginge auch noch, wenn es mir nicht leider viel zu oft passieren würde, dass es nicht bei diesen zwei Stücken bleibt. Was mir leider dann oft das Kaloriendefizit des Tages etwas verhagelt. Zwar nehme ich dann insgesamt nicht zu, aber das mit der Abnahme klappt dann auch nicht weiter, und es ist ja nicht der Sinn dieser ganzen Anstrengungen, nur mein Gewicht zu halten.

Die Kombination von Milchkaffee und Schokolade ist so lecker, dass mein Kleinkind-Appetit „Noch mal, noch mal!“ ruft, weil es diese Erfahrung wiederholen möchte, solange noch Milchkaffee in der Tasse ist.  Oft merke ich dann hinterher, dass es mir eigentlich zu viel war (so ab drei, vier Stücken…), aber selbst die häufige Erfahrung bringt in der Situation selbst nichts.

Die Struktur ist mir interessanterweise nicht bei der Schokolade klar geworden, obwohl sie dort eigentlich am stärksten zutage tritt. Wochentags frühstücke ich ja nicht (was kein Problem darstellt, weil ich morgens wenig Appetit habe), im Büro esse ich dann zu Mittag entweder Brot oder Suppe o.ä. Und am Wochenende nimmt ein spätes Frühstück die Stelle eines frühen Mittagessens ein, da esse ich auch meistens Brot. Bei so einer Mittagsmahlzeit esse ich meistens zwei Scheiben Brot (so ein in der Scheibenform fast quadratisches Kastenbrot, Vollkorn, von der sehr leckeren Bio-Bäckerei Märkisches Landbrot, allen Berlinern sehr zu empfehlen). Neulich, ich weiß gar nicht mehr genau aus welchem Grund oder wie ich auf die Idee kam (ich bin ein ziemliches Gewohnheitstier, wie ich schon öfters anmerkte), aß ich nur eine Scheibe und merkte: Oh, das geht auch. Ich bin gesättigt hinterher. Die Sättigung hält auch ausreichend lange an. Trotzdem fehlte irgendwas.

Und da kam ich drauf, dass mir irgendwie der „Noch mal!“-Genuss (wobei ich den Genuss hier eigentlich in Anführungszeichen setzen müsste) fehlte. Ich habe um die Mittagszeit im Büro Appetit und leichten Hunger auf meine erste Mahlzeit des Tages (keinen brüllenden Hunger, das wird durch das Zitronenwasser echt gut in Zaum gehalten), diesen Appetit und leichten Hunger zu stillen, darauf und daran freue ich mich auch. Und das ist dann eine so nette Sache, dass es einfach irgendwie notwendig erscheint, dass ich diese Erfahrung mit einer zweiten Scheibe Brot wiederhole bzw. ausdehne, obwohl sie ja nicht notwendig ist. Die erste Scheibe ist alle (man verzeihe mir hier den Kleinkind-Jargon, der liegt einfach nahe) und eigentlich reicht es ja auch, aber… juché, da liegt ja noch eine zweite Scheibe Brot! Und weil ich gelernt habe, für mich selbst zu sorgen, antizipiere ich diesen „Noch mal!“-Wunsch anscheinend, ohne mir dessen bewusst zu sein, indem ich beim Brot oder bei der Schokolade die Wiederholung der Situation schon anlege.

Nachschlag nehmen, wenn ich etwas gekocht habe und noch was übrig ist, folgt derselben Struktur. Der Hunger ist gestillt. Es hat gut geschmeckt. (Meistens gelingt es mir, so zu kochen, dass es mir schmeckt, sonst würde ich es wohl nicht tun.) Eigentlich braucht man brauche ich nichts mehr. Aber der Kleinkind-Appetit denkt, man könne (und müsse! und solle! absolut!!) eine angenehme, schöne Situation so lange wiederholen, wie es die Umstände zulassen, also: Nachschlag. Und über dieses Eingehen auf diesen Kleinkind-Appetit (oder ist es das Appetit-Kleinkind, uh-oh, inner child lurking around the corner) gehe ich über alle möglichen Signale meines Körpers hinweg: Dass ich eigentlich schon satt bin. Dass eine weitere Portion eigentlich zu viel wäre. Dass (gerade im Fall von Chips und Schokolade etc.) noch mehr fettig und süß oder salzig eigentlich schon die Gefahr von „Bäh, das war jetzt zu viel!“ besteht, Völlegefühl. Ich gehe auch über meinen Verstand hinweg, der in dieser Hinsicht manchmal schon so resigniert ist, dass er es schon gar nicht mehr versucht mit „Du ärgerst dich später wieder“, „Das reicht doch jetzt.“, „Du bist schon satt.“ oder (was beim Einkaufen immerhin manchmal funktioniert): „Das brauchst du jetzt nicht, das hat in der Abnehmphase nichts zu suchen, aber das heißt ja nicht, dass du es nie wieder kaufen/essen kannst, nur einfach jetzt nicht.“

Dieser Nicht-Kauf-Reflex (der ziemlich gut bei solchen Sachen wie Pizza, Eis, Chips funktioniert, da bin ich nur hilflos, wenn ich z.B. Chips in einem anderen Kontext (von mir ungekauft) begegne, z.B. auf dem Chorwochenende) gilt leider nicht für dunkle Schokolade, weil ich mir diesen Milchkaffee mit (eigentlich einem, naja, mindestens zwei! Stücken) Schokolade als diätinternes Extra („ist ja alles in der Berechnung mit drin“) angewöhnt habe. Meine Fettlogik ist da wohl gerade: Ohne diese Belohnung halte ich nicht durch. Gleichzeitig zerschieße ich mir damit meinen Erfolg, was sehr frustrierend ist und die Sache in die Länge zieht. Es hilft nichts, ich muss über eine „No sugar!“ oder zumindest „Keine Schokolade“-Phase aus diesem Dilemma raus. Aber ich habe mir schon öfters vorgenommen: So, die Schokolade, die du jetzt noch im Haus hast, brauchst du jetzt auf (ganz langsam, damit sie länger reicht und du dich vielleicht an kleinere Portionen gewöhnst), und dann wird erst mal keine mehr gekauft. Aber dann ist irgendwas ganz stressig oder nervig oder sonstwas, und schwups, liegt die dunkle Schokolade doch wieder im Supermarkt auf dem Kassenband. Mein Kleinkind-Appetit muss sich noch nicht mal mit einem Heul- und Tobe-Anfall auf den Supermarktboden werfen. Vielleicht sollte ich das mal riskieren…. 😀

Als ich nach dem Abitur als Au Pair in Südfrankreich war, hatte ich in den letzten Wochen meiner Zeit dort so Nostalgie-Anfälle. So Gedanken von: „Da müsstest du noch mal hin, da war es so schön.“ – „Dort hast du was schönes erlebt, da solltest du noch mal hinfahren, hinwandern.“ – „In dem Antiquariat hast du das tolle Buch gefunden, in dem Café mal einen so schönen Nachmittag verbracht, unbedingt noch mal hin!“ Irgendwann merkte ich, dass das wenig Zweck hatte, mit solchen Erwartungshaltungen von „Da war es schön, also! Noch mal!“ an Orte zu gehen, sie erfüllten sich meistens nicht. Was nicht heißt, dass man nicht öfters an einen schönen Ort gehen sollte – nur nicht, wenn man darauf aus ist, eine einmal dort gemachte Erfahrung zu wiederholen. Es mag wieder schön sein, aber auf eine andere Art, aus anderen Gründen. Zumindest was Orte angeht, habe ich mir damals eine solche Verabschiedungs-Nostalgie abgewöhnt. Aber leider habe ich erst dieser Tage, mehr als 20 Jahre später, verstanden, dass ich diese Lektion eigentlich auch auf Ess-Erfahrungen anwenden sollte.  Vor allem, weil es ja nicht darum geht, das allerletzte Mal Kaffee mit Schokolade zu mir zu nehmen, allenfalls für eine gewisse Pause. Aber immerhin ist es mir jetzt klargeworden, mal schauen, was aus dieser Erkenntnis wird…

Wie sieht es bei Euch aus? Kennt Ihr dieses „Noch mal!“-Gefühl und wie wirkt sich das aus? Oder was macht ihr dagegen?

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8 Gedanken zu “Wie so’n Kleinkind: „Noch mal, noch mal!“

  1. Geht mir genauso!
    Mein Tipp: Ich kaufe mit vollem Magen ein und nehme nichts Süßes mit. Oder ein Teil, dass dann direkt für die ganze Woche getrackt wird und wenn es alle ist, gibt es erst nächste Woche was neues.
    Könntest du vielleicht eine kleinere Tafel Schoki kaufen, die dann für eine Woche reichen muss? Und wenn du dann am Anfang der Woche zu viele Stückchen isst, gibts halt den Rest der Woche nichts mehr.
    Wenn ich mir Schoki komplett verbieten würde, geht das 3 Tage gut und dann esse ich ganz viel Schokolade auf einmal… 😔

    1. Andererseits muss ich manchmal einfach dem „noch mal“- Gefühl nachgegeben werden… dann habe ich halt zum Ende der Woche keine Schokolade mehr übrig und mit dem Mantra „neue Woche – neue Schokolade“ überbrücke ich dann bis zum Wochenanfang (bei mir freitags)

    2. annesch

      Alles schon probiert, mit kleineren Tafeln, zuhause aufgeteilt und abgepackt… und der Entschluss „Ich kauf einfach nichts mehr“ funktioniert im Moment nicht. Ich denke, erst in dem Moment, wo ich mir wirklich eine „Kein Zucker!“-Periode verorden (hatte ich vor Jahren gemacht, tat gut). Also dann so richtig mit kein Zucker, kein Weißmehl, kein Milchzucker (Milch im Milchkaffee…). Denn so, wie für mich früher, als ich noch geraucht habe, Kaffee ganz fest mit Zigarette verknüoft war, so ist das jetzt mit Schoko. Na, mal sehen. Wenn ich dieses Wiederholungsimpuls ausschalten könnte, wär’s schon gut. Ein Stück wäre ja nicht schlimm.

  2. Owl

    Kenn ich auch sehr gut und habe leider keine Strategie dagegen. „Ich gönne mir was“ ist ein starker Wunsch in mir (vielleicht weil ich auf manch anderes verzichten muß?) und je fortschreitender der Tag, umso geringer mein Widerstand.

    1. annesch

      Gegen „Ich gönne mir etwas“ habe ich bei mir gar nichts einzuwenden, solange es im Kalorienbudget ist. Das Problem ist eben, dass es nicht bei einem Stück Schoko bleibt, und es bei den zusätzlichen Stücken gar nicht mehr richtig um Genuss, sondern nur um diesen Versuch geht, in der Repetition einen Genuss zu wiederholen…

  3. Ja, ich bin in Sachen Süßigkeiten das fleischgewordene „nochmal!“.
    Da hilft leider nur konsequente Vermeidung. 😦

    Ich akzeptiere sehr, sehr langsam extrem stark geflavourten/gesüßstofften Kaffee als Ersatz. Aber das dauert noch, bis ich da weiterkomme.

  4. Ich fürchte da hilft nur drastische Zucker entwöhnung 😕 ich würde auch mehr als ein Stück Schockolade essen. Ich hab es bei den Keksen gemerkt. 6 hätte ich essen können…. Es würde die ganze Packung… Die leere daraus…. Nix mehr kaufen, Mann die Reste essen lassen und wieder auf no Sugar…😬

  5. Pingback: Lümfa, die Nymphe – Berg- & Talträume

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